Freiheit durch Überforderung
Als ob sie das Stück nicht gerade ein halbes Dutzend Mal gespielt hätten. Doch trotz ständiger Wiedervorlage auf der Tournee, beim Konzert im eigenen Haus und mit einem Schlager wie Tschaikowskys Fünfter, lässt Kirill Petrenko bis eine Viertelstunde vor Beginn nicht locker. Proben, feilen, verfeinern, egal, ob in den Foyers des Münchner Nationaltheaters die Besucher ungeduldig werden. Interpretation als Dressur? Als Ausschalten sämtlicher Zufälle und spontaner Eingebungen? «Er lässt schon noch Luft», sagt Geiger Guido Gärtner.
«Es ist wie bei einem, der eine große Eisenbahnlandschaft aufbaut mit allen nur erdenklichen Details.» Im Ernstfall Aufführung werde dann der Zug aufs Gleis gesetzt, auf dass einer am Trafo-Regler spielen könne. «Es handelt sich um eine Extremorganisation. Aber erst die ermöglicht uns Freiheit.»
Weit, sehr weit ist das Bayerische Staatsorchester damit gekommen. Zum sechsten Mal (und vierten Mal in Folge) «Orchester des Jahres». Und dabei zum wiederholten Male ohne Parallelpreis für den Generalmusikdirektor – auch das ist eine Aussage. Der Formschub der vergangenen Jahre ist natürlich Petrenko zu verdanken, darüber herrscht Einigkeit nicht nur im Ensemble. ...
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Opernwelt Jahrbuch 2017
Rubrik: Dirigent und Orchester des Jahres, Seite 48
von Markus Thiel
Vor 450 Jahren kam in Cremona jener Mann auf die Welt, der – so will es die Legende – die Oper erfunden hat: Claudio Monteverdi. Sein 1607 in Mantua geschriebener «L’Orfeo» gilt als Geburtsurkunde des musikalischen Theaters im neuzeitlichen Sinn. Mit «Ulisse» (1641) und «Poppea» (1642) habe er sich als konkurrenzloser Großmeister der jungen Gattung verewigt. Doch...
Aufführung des Jahres: Bergs «Lulu» in Hamburg (Kent Nagano/Christoph Marthaler) und Honeggers «Jeanne d’Arc au bûcher» in Frankfurt (Marc Soustrot/Alex Ollé)
Regisseurin des Jahres: Yona Kim
Bühnenbildner des Jahres: Alfons Flores
Dirigent des Jahres: Kirill Petrenko
Sängerin und Sänger des Jahres: Anja Harteros, Christian Gerhaher, Georg Zeppenfeld
Opernhaus...
Politik war seine Sache nie – reale Politik. Lässt man seine Regiearbeiten Revue passieren, wird freilich evident, dass Dmitri Tcherniakov das Politische als Phänomen durchaus affiziert – man denke nur an den Medienzirkus in seiner nachgerade erschütternd hellsichtigen Berliner «Zarenbraut» (2013) oder an die zerrüttete Autokratie in der Amsterdamer «Legende von...
