FREI NACH PLAUZE
In Vincent Huguets «Don Giovanni»-Inszenierung an der Staatsoper Unter den Linden ist die Titelfigur ein Starfotograf, dessen Zeiten als die Frauen nach seinem Gusto einfach «vereinnahmender» Gigolo längst vorbei sind. Er wohnt in Berlin-Mitte und hat ein ironisches Plakat an der Hauswand hängen, auf dem die (zum Teil ehemaligen) Staatsoberhäupter Merkel und Macron einander küssend herzen.
Das geräumige Loft, das Bühnenbildnerin Aurélie Maestre aus Brutalismus-Beton-Imitaten gebaut hat, zeigt innen zur Rechten eine kleine Ankleideecke sowie einen Computer, mit dem die frisch entstandenen Bilder digital bearbeitet werden können (bei der Registerarie etwa scrollt sich Leporello konsequenterweise durch den Bilderordner seines iPads). Weiter zur Linken sehen wir Scheinwerfer und einen Fotoschirm. Giovanni knippst seine Opfer/Geliebten; zuletzt sogar den vorgeblich von ihm getöteten Commendatore bei dessen Trauerfeier. Giovanni ist ein Tölpel, pietätlos, mit Plauze, täppisch und derb. Michael Volle verkörpert diesen Giovanni treffend und beweist gesanglich sein humoristisches Talent.
Riccardo Fassi spielt – dabei stimmlich flexibel – Leporello als grün bejackten, schlank-sportlichen ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Arno Lücker
Als «naturalistisches Trauerspiel» bezeichnete August Strindberg sein 1889 uraufgeführtes Stück «Fräulein Julie». In knapp gezeichneten Szenen und Dialogen begeben sich die adlige Titelfigur, der von ihr begehrte (und sie begehrende) Diener Jean sowie dessen Verlobte Kristin in ein fein gesponnenes Geflecht aus brodelnden Emotionen, (un)erfüllbaren Hoffnungen; die...
Der Dichter fabuliert im nächtlich narkotisierten Raum. Und eigentlich will er nur seiner Liebe Ausdruck verleihen. Doch das ist passé, die Angebetete hat ihn zurückgewiesen. Also zwinkert er ihr, mit gespitzter Feder, ein letztes Mal zu: «Sing nicht, du Schöne, sing nicht mehr, / Grusiniens gramerfüllte Lieder. / Sie rufen ferne Ufer her, / Sie wecken altes Leben...
Sollte man nicht glücklich sein, wenn man eine hervorragende Inszenierung gesehen hat? Handelt es sich dabei um eine Inszenierung von Alban Bergs «Wozzeck», so ist die Frage, was «Glück» bedeuten kann, angesichts eines Werks, das schlichtweg perfekt ist, das aber an keiner Stelle (nirgends) so etwas wie «Hoffnung» zulässt.
Regisseur Simon Stone lässt uns auf...
