Fenster ins Innerste der menschlichen Seele

Mieczyslaw Weinbergs «Passagierin» auf DVD

Sechs Töne sind es, die Lisa auf dem weißen Sonnendeck bedrängen. Ein kurzes, schlichtes Motiv in Quart-, Terz- und Sekundschritten. Nichts Besonderes eigentlich. Und doch brennt sich sofort ein, was Oboe und Fagott da pianissimo und staccato in die Tanztee-Idylle an Bord des Dampfers blasen, der Lisa und Walter nach Brasilien bringen soll. Die ehemalige Auschwitz-Aufseherin und den westdeutschen Karrierediplomaten. Die nichts mehr wissen wollen von dem, was war. Und nun in Foxtrott- und Swing-Laune Europa «Adieu» sagen, um in der Ferne neu anzufangen.

Doch die Dämonen der Vergangenheit werden sie nicht los. Immer wieder durchkreuzt dieses Sechstonmotiv das flüchtige Glück, in allen möglichen Varianten, unerbittlich. Die Ohnmacht, das Klagen, das unterdrückte Schreien der Opfer klingen an. Und die Stimme Marthas, jener polnischen Gefangenen aus dem Lager, die Lisa unter den Reisenden wiederzuerkennen glaubt.

Komponieren, das war für den vor Hitlers Armeen aus Warschau nach Moskau geflohenen Juden Mieczyslaw Weinberg vor allem Trauerarbeit. Niemand hat mit musikalischen Mitteln so poetisch und so persönlich von den Schrecken des 20. Jahrhunderts erzählt wie er. Nicht einmal ...

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Opernwelt Jahrbuch 2011
Rubrik: Wiederentdeckung des Jahres, Seite 38
von Albrecht Thiemann

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