Expedition ins Ungewisse
Ganz schön verbiestert, halsstarrig schauen sie aus den gebügelten Oberhemden, Strickwesten und Hauskitteln: die knorrigen Ländler, die sich da in einem schwer renovierungsbedürftigen, mit klobigen Holzschränken und Biertischen möblierten, von einer stockfleckigen Decke überwölbten Saal versammeln. Als ob sie aus der Monotonie ihrer kargen Existenz in den Schweizer Bergen nie mehr herausfinden würden.
Dabei steht ein wenig Abwechslung ins Haus, die Hochzeit der verwaisten Müllerstochter Amina mit Elvino, der dank seines Vermögens begehrtesten Partie am Fuße der Jungfrau (wo die Geschichte laut Libretto spielt). Und doch hat jedes einzelne Mitglied dieses Kollektivs eigene Statur, eine unverwechselbare Aura. Da gibt es den sonderlichen Schlacks, der alle um einen Kopf überragt, immer wieder Löcher in die Luft starrt. Die frustrierte Mittfünfzigerin, die jede Aufhellung ihres Angetrauten mit finsteren Blicken erstickt. Den verklemmten Zwangsneurotiker, dem alles, was die geregelte Ruhigstellung des Lebens gefährdet, Angstschweiß auf die Stirn treibt. Ein hintergründig schillerndes Soziotop tut sich auf, wenn an der Deutschen Oper Berlin der Vorhang aufgeht zu Vincenzo Bellinis seit ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Albrecht Thiemann
Alban Berg würde sich wundern. Und vielleicht sogar zustimmen. Denn was Detlef Heusinger aus dem fragmentarisch überlieferten Material des dritten «Lulu»-Aktes gemacht hat, ist – wie die jetzt am Bremer Theater erfolgte Uraufführung dieser Fassung zeigte – eine höchst beachtenswerte, ebenso fantasievolle wie punktgenau durchdachte Alternative zu Friedrich Cerhas...
Solche Abende gibt es. Sie heben hoch an, schütten aus extremer (Fall-)Höhe eine Unmenge an Bildern, Assoziationen und Allusionen auf die Bühne herab, sind für sich genommen virtuos in ihrer Diskursvernarrtheit – aber das eigentliche Stück, seine Psychologie, mehr noch: die musikalische Semantik vergessen sie darüber fast vollständig. Ein solcher Abend ist die...
Man kennt das aus der Wirtschaft: Der Patriarch kann sich nicht aus seiner Führungsposition lösen, hält jeden, der Ideen für die Zukunft der Firma entwickelt, für inkompetent – und treibt damit letztlich das Familienunternehmen in den Ruin. So führt sich derzeit auch Siegfried Matthus auf, der zu DDR-Zeiten hoch geschätzte Komponist, der kurz nach der Wende die...
