Erkenntnislos
Eine geschmackssichere, aber etwas statische, Deutungen lediglich vage zur Diskussion stellende «Elektra» zeigt Intendant Karsten Wiegand am Staatstheater Darmstadt. Ein merkwürdiger Fall, der dokumentiert, dass mit Ruhe und Schönheit nicht alle Inszenierungsfragen zu lösen sind, jedenfalls nicht mit Blick auf ein rabiates Werk wie das von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Auch straft es sich in der puristischen Umgebung, wenn Auftritte und Abgänge allzu lapidar vonstattengehen, wenn es zwischen den Figuren nicht glüht.
Aber es sieht zunächst einmal wirklich gut aus.
Die von Wiegand selbst entworfene Bühne wird von zwei diagonal gestellten Wänden beherrscht, die sich bedrohlich und gespenstisch langsam wie in einer Poe-Erzählung herabsenken. Am Ende werden sie sich über der Titelfigur schließen. Darüber kreisen vorerst Geier, fünf eindrucksvoll als Vögel verkleidete Menschen; ein sechster Geier lagert bei Elektra am Boden. Dort stehen und liegen auch weiße Figuren, die zur Familienaufstellung für die heimgesuchten Atriden einladen. Von den vier Kindern ist eines tot: die von Agamemnon einst der Staatsräson geopferte Iphigenie. Klug, an sie zu erinnern – wirft es doch ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2024
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Judith von Sternburg
An der Dresdner Semperoper steuerte vor bald zwei Jahren Künstliche Intelligenz eine virtuelle Stimme, die Deutsche Oper Berlin sucht nach künstlichen Transformationen von Bilderwelten, und in Bayreuth kann man «Parsifal» mittels Augmented Reality auf einer zweiten Ebene verfolgen. Oper ist längst nicht nur noch analog. Was passiert, wenn man sie wahl -weise im...
Eine «Extravaganza musicale in technicolor» kündigt das bühnenhohe Filmplakat an, das einen muskelbepackten Helden mit Schnauzbart in einem antikisierenden Floß auf wildtosendem Meer zeigt. Ein Zufall ist es nicht: Der Film, der hier in den nächsten dreieinhalb Stunden entstehen wird, ist eigentlich eine Oper – Nicola Antonio Porporas «Polifemo» von 1735. Das...
In der russischen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begegnen uns insbesondere bei Gogol und Dostojewski ganz unheldische Helden, die zuvor kaum je die Aufmerksamkeit der Dichter erregten. Sie entsprechen dem Typus des «armen Beamten». Auffällig ist, dass in vielen der ihnen gewidmeten Geschichten ihre Identität bedroht ist: So trifft in Dostojewskis...
