Empfundene, Erlittenes, Erträumtes
Zweimal wird die Schiebetür im Hintergrund geöffnet. Die Aussicht: ganz famos. Ein Wald-Wiesen-Idyll – nur dass ein Absperrklebeband das Panorama teilt und Stacheldraht die Aussicht stört. Davor steht ein riesiger Metallstuhl. Der kann beklettert und umgekippt werden, ist Thron, Zimmerecke oder auch mal eine Art Gefängnis. Ganz reduzierte szenische Zeichen sind das, mehr ginge auch nicht im kleinen Theater am Haidplatz.
Und sie sind sehr angemessen für die Vorlage, die hier zu einer Oper wurde: Reiner Kunzes Buch «Die wunderbaren Jahre» versammelt Schlaglichter des ostdeutschen Sozialismus: Erzählungen, Berichte, Selbsterlebtes vor allem aus Kinder- und Jugendjahren, knapp und lakonisch aufgeschrieben, Absurditäten des Alltags (die Nickelbrille als «imperialistischer Modeeinfluss») bis hin zum Schießbefehl und zur Erhängung mit der eigenen Unterhose im Gefängnis. Ein Destillat der DDR, kommentarlos – und vielleicht deshalb umso gefährlicher für die Führung, die Mitte der 1970er-Jahre eine Revolutionsschrift witterte.
Torsten Rasch, 1965 in Dresden geboren, Kruzianer, auch Filmmusiker, seit 2008 zudem Opernkomponist («Rotter»), dürfte seine eigenen Erfahrungen mit der Welt hinter ...
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Opernwelt April 2025
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Markus Thiel
Man nehme eines der zahlreichen Shakespeare-Stücke – in diesem Falle «Viel Lärm um nichts» –, streiche den Hauptstrang des dramatischen Plots, den Scheintod der schönen Hero und ihre glückliche Wiederauferstehung, konzentriere sich auf die beiden Nebenfiguren Béatrice und Bénédict, beide angeblich Liebes- und Eheverächter, die durch eine Intrige dann zum...
Ist «Salome» ein aktuelles Stück? Hat uns Judäas lustmordende Prinzessin mehr zu sagen als ihre dekadenten Schwestern, die den Betrachter – eher als die Betrachterin – auf den Bildern von Klimt, Stuck und Moreau so sphinxhaft todbringend in ihren Bann schlagen? Zwickau scheint sich in eine feministische Umdeutung der antiken Legende flüchten zu wollen: Salome...
Bei allem gebotenen Ernst: Das hier einmal ausgesprochen physisch dargebotene Schlussgerangel um den Ring, in dessen Verlauf die Rheintöchter Hagen buchstäblich niederringen, ist dann doch ziemlich lustig. Hin und her geht es. Hagens «Zurück vom Ring!», immerhin die letzten Worte des Stücks, bleiben folgenlos, wie ja generell das vielleicht sinnvolle Abstandsgebot...
