Eine Frage der Moral
Glyndebourne, dieser Landsitz samt Opernhaus mitten im hügelsanften Sussex, scheint aus der Zeit gefallen zu sein. So kommt es einem vor, wenn zur Festivalzeit mit Weidekörben bestückte Londoner in Smoking und Abendkleid per Zubringerzug anreisen und in den weiten Gärten neben grasenden Schäfchen ihre Picknickclaims markieren, um vor der Vorstellung und in der Pause andachtsvoll englische Lebensart zu zelebrieren: mit Champagner aus Kristall und Pasteten von Porzellan.
Natürlich sind die Campingtische mit Leinentuch gedeckt, also ganz im Sinne und nach dem Stil von John Christie, der hier 1934 das sommerliche Opernfestival gegründet hat. Von Anfang standen Mozarts Opern im Mittelpunkt. Fritz Busch dirigierte sie damals mit einer Frische, die die endgültige Abkehr vom 19. Jahrhundert bedeutete und eine Mozart-Renaissance einleitete. Die drei Da-Ponte-Opern wurden mit den Glyndebourner Ensembles auf Schellackplatten gebannt, zuletzt 1936 der «Don Giovanni». An diesen «Giovanni» muss man bei der diesjährigen Neuproduktion unwillkürlich denken. Fritz Buschs Sängerinnen und Sänger durften flüstern, stöhnen, schnaufen und lachen, Vokale dehnen und Konsonanten knautschen, da wurde ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 2
von Götz Thieme
Gian Carlo Menotti ist ein junger Mann, als er auf die Frage, wie er es geschafft hat, die Bürokratie zu überwinden, um in einer kleinen Stadt im grünen Herzen Italiens ein neues Festival ins Leben zu rufen, antwortet: «Glaube, Beharrlichkeit und Glück». Man schreibt das Jahr 1959, Menotti arbeitet schon seit mindestens drei Jahren an der Idee, völkerverbindende...
Nach ausgiebiger Frühmasturbation muss der Major Kovaljov, hier ein Politiker mit Machtinstinkt, feststellen, dass ihm seine Nase abhandengekommen ist, die bis dahin als prächtiger Pinocchio-Zinken aus seinem Gesicht geragt hatte. In Gogols köstlicher Nasen-Novelle, Dokument eines Surrealismus vor der Erfindung des Surrealismus, führt nun die Suche nach dem...
Entwürfe sind, im Leben wie in der Kunst, etwas Feines. Ihnen genügt der Vorschein des Vollendeten, die Aura der Andeutung; sie erlauben es, lustvoll mit Dingen zu jonglieren, fantasievoll zu fabulieren, sogar grenzenlos zu spekulieren – und das ohne den Zwang, die Ideen eins zu eins an die Realität anzupassen. Entwürfe bergen jenen Zauber, den Robert Musil in...
