Eine Frage der Moral
Glyndebourne, dieser Landsitz samt Opernhaus mitten im hügelsanften Sussex, scheint aus der Zeit gefallen zu sein. So kommt es einem vor, wenn zur Festivalzeit mit Weidekörben bestückte Londoner in Smoking und Abendkleid per Zubringerzug anreisen und in den weiten Gärten neben grasenden Schäfchen ihre Picknickclaims markieren, um vor der Vorstellung und in der Pause andachtsvoll englische Lebensart zu zelebrieren: mit Champagner aus Kristall und Pasteten von Porzellan.
Natürlich sind die Campingtische mit Leinentuch gedeckt, also ganz im Sinne und nach dem Stil von John Christie, der hier 1934 das sommerliche Opernfestival gegründet hat. Von Anfang standen Mozarts Opern im Mittelpunkt. Fritz Busch dirigierte sie damals mit einer Frische, die die endgültige Abkehr vom 19. Jahrhundert bedeutete und eine Mozart-Renaissance einleitete. Die drei Da-Ponte-Opern wurden mit den Glyndebourner Ensembles auf Schellackplatten gebannt, zuletzt 1936 der «Don Giovanni». An diesen «Giovanni» muss man bei der diesjährigen Neuproduktion unwillkürlich denken. Fritz Buschs Sängerinnen und Sänger durften flüstern, stöhnen, schnaufen und lachen, Vokale dehnen und Konsonanten knautschen, da wurde ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 2
von Götz Thieme
Verfluchter Tag mit deinem Schein! Wachst du ewig meiner Pein?», lamentiert Wagners Tristan. Er wendet sich ab vom Tageslicht, als verletze es ihn. Doch nicht eine seltene Lichtkrankheit plagt Isoldes Geliebten; vielmehr huldigt dieser der romantischen Ideologie, wonach das ersehnte Nachtdunkel als Inspirationsquelle zu verstehen sei. Das Booklet der CD «Insomnia»...
Manche mögen’s … nicht: das Musical. Denn dort beschreiben die Protagonisten eins zu eins ihre Gefühle: «Ich bin traurig», «Ich bin verliebt», «Ja, ich kann es schaffen, wenn ich nur dran glaube!». In dem für die Deutsche Oper Berlin von Giorgio Battistelli neu komponierten «Il Teorema di Pasolini» singt jede Person auf der Bühne immer genau das, was sie gerade tut...
Ganz Berlin witzelte über die vielen Posaunen und über den großen Elefanten in den Prachtaufzügen dieser Oper […]. Die Enthusiasten aber riefen: ‹Hosianna! Spontini ist selbst ein musikalischer Elefant! Er ist ein Posaunenengel!›» Mit diesen Worten zeichnete Heinrich Heine 1822 anlässlich einer Aufführung von Spontinis «Olympie» das (bis heute nicht vollends...
