Beflügelte Seele
Gut sieht sie aus, die «alte Frau», wie sie da aus der Tür des Riesenkarpfens, der (auch) ein Haus darstellt, heraustritt, neugierig, wer da wohl geklopft hat. Eine Dame, könnte man meinen. Doch schon die ersten Worte und Töne verwandeln dieses wunderliche Wesen in ein keifendes Weib, das den beiden Menschen, die frierend und zitternd vor ihr stehen – in größter Sorge, weil sie ein Dach über dem Kopf benötigen, und sei es nur für eine Nacht – unmissverständlich erklärt, sie habe kein Zimmer zu vermieten «für Leute wie euch».
Schleudert es ihnen ins Gesicht und knallt die Tür wieder zu.
Fünf Minuten und kurz danach weitere zwei, länger dauert der Auftritt nicht, den Hanna Schwarz in der Opernballade «Sleepless» von Peter Eötvös an der Berliner Staatsoper hat. Dann ist die «alte Frau», die sie faszinierend spielt und mit ihrer unvergleichlich sonoren, hintergründig tiefen Altstimme auch so singt, aus dem Leben geschieden. Nicht eben elegant allerdings. Asle, der Mörder aus Not und ohne Gewissen (drei Menschen tötet er allein im ersten Akt), zwingt sie mit einer Axt in der Hand dazu, in einen Kühlschrank zu steigen, dann stellt er sich davor und hält die Tür so lange zu, bis die ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Jürgen Otten
Gian Carlo Menotti ist ein junger Mann, als er auf die Frage, wie er es geschafft hat, die Bürokratie zu überwinden, um in einer kleinen Stadt im grünen Herzen Italiens ein neues Festival ins Leben zu rufen, antwortet: «Glaube, Beharrlichkeit und Glück». Man schreibt das Jahr 1959, Menotti arbeitet schon seit mindestens drei Jahren an der Idee, völkerverbindende...
Wir sind am Schluss jetzt von dem ganzen «Ring».
Wir sind am Rhein – und nicht in Paderborn.
Es singt und singt halt jeweils eine Norn.
Man fleht, oh lieber Gott: «Mach aus das Ding!»
Doch er – der Richi – spinnt erst noch Intrigen,
Die uns nun wirklich nicht mehr int’ressieren.
Die Notdurft tut alsbald schwer zu pressieren,
Doch sitzt man fest und will sich schier...
Das Warten auf den (musikalischen) Höhepunkt kann in Claudio Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» eine halbe Ewigkeit dauern. Am Theater Bremen sind es gerade mal zwei Stunden und 30 Minuten, bis sich die Stimmen von Nerone und Poppea in «Pur ti miro, pur ti godo» ineinander verschlingen dürfen, weil der Komponist das Melos der Musik und der Sprache seiner...
