Ein großer Abend
Das «erste richtige Liebesduett der Operngeschichte» nennt Ulrich Schreiber den betörenden Schlussgesang in Monteverdis «L’incoronazione di Poppea». Und ja, in diesem Duett ereignet sich Ungeheures; auf dem Fundament eines ostinaten, abschreitenden Lamentos besingt das Liebespaar in hehrer melodischer Schönheit sein Glück. Liebespaar? Genau daran hegt Evgeny Titov in seiner Neuinszenierung an der elsässischen Opéra national du Rhin – einer Gemeinschaftsproduktion mit der Oper Graz – seine Zweifel. Die musikalische Faktur gibt ihm in ihrem Auseinanderdriften recht.
Und so bewegen sich auch Poppea und Nerone zusehends voneinander weg. Er bleibt unten, sie, im weißen Hochzeitskleid (Kostüme: Emma Ryott), steigt die Treppe empor, die das zylinderartige Gebäude auf der Drehbühne umgibt. Die Symbole lassen keinen Zweifel zu: Poppeas Hände sind blutrot, und den Weg flankieren all jene Leichen, über die das Paar gegangen ist ...
Es gibt keine Liebe in diesem Stück, auch nicht bei Amor, der seinen Sieg im Prolog verkündet (ideal im Zusammenklang: die drei Göttinnen des Schicksals, der Tugend und der Liebe, Rachel Redmond, Julie Roset und Marielou Jacquard). In der sich um die eigene Achse ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Alexander Dick
Wenn jetzt ein Erdbeben käme, man wäre an einem sicheren Ort im dichtbesiedeltsten Ballungsraum Griechenlands. Das Kulturzentrum der Stavros-Niarchos-Stiftung ist mit Isolatoren vom periodisch zitternden Untergrund getrennt. Auch an sanftere Formen der Nachhaltigkeit hat der italienische Stararchitekt Renzo Piano gedacht: Im mehr als zwanzig Hektar großen Park...
Über den Köpfen des Publikums fliegen die Fetzen, man sitzt mitten im Kreuzfeuer verfeindeter ästhetischer Positionen. Regisseur Guillermo Amaya hat die gegnerischen Lager in seiner Heidelberger Inszenierung auf den Treppen des Zuschauerraumes und an der Bühnenrampe postiert. Komische, Tragische, Lyrische und Hohlköpfe liefern sich einen furiosen Schlagabtausch. In...
Der Staatsoper Berlin kann man regieseitig in Sachen Mozart für das vergangene Jahrzehnt nicht gerade ein brillantes Zeugnis ausstellen. Angefangen von einer der schwächsten Arbeiten des späten Hans Neuenfels («La finta giardiniera», 2012) – damals noch in der Ausweichspielstätte Schiller-Theater – zog sich das optische, bewegungsmäßige und konzeptuelle Unglück...
