Der Seiltänzer
Georges Aperghis beteuerte gern, dass sich in seinen Gedanken beim Komponieren «immer so ein kleines imaginäres Theater» abspiele. So auch bei den Donaueschinger Musiktagen 2025, wo seine «Tell Tales» uraufgeführt wurden, eine Art virtuelles Musiktheater. Eine Viola und sechs Stimmen erzeugen darin eine Geschichte mit den Mitteln polyphoner Klanginterventionen – mit Worten, Silben und Phonemen, Situationen, Klangerzählungen in diversen Sprachen, von der Bratschistin Tabea Zimmermann quasi ins Spiel gebracht und vom Vokalsextett Exaudi beantwortet, debattiert, umsungen.
Allerlei «Sprach- und Klangwechsel», ein Labyrinth des Erzählens in Tönen. Ein typischer Aperghis.
«Tell Tales» versteht sich als Appell zum Aufeinanderhören und -reagieren in Bewegungs- und Klanggesten. Um die Formen und Nuancen des Verstehens, die ästhetischen Ziele und die Techniken des griechisch-französischen Komponisten besser verstehen zu können, empfiehlt sich die Lektüre des Buches «Musiktheatralität im Schaffen von Georges Aperghis»; Doktorarbeit des Musikologen und Komponisten Benjamin Scheuer, die just zum 80. Geburtstag des Komponisten erschienen ist. Geboren wird Aperghis am 23. Dezember 1945 in Athen. Der Vater ist Bildhauer, die Mutter Malerin. Der Sohn bildet sich überwiegend autodidaktisch zum Maler und Komponisten aus. Bestimmend für den Werdegang wie für sein Künstlertum ist seine Übersiedlung als 18-Jähriger nach Frankreich. Paris wird und bleibt seine Welt. 1965 heiratet er die einer russischen Adelsfamilie entstammende Schauspielerin Edith Scob. Mit ihr gelangt Aperghis in die Sphäre von Theater und Kino. Komponisten wie Iannis Xenakis und John Cage, Pierre Schaeffer und Mauricio Kagel bereichern bald seinen musikalischen Horizont. 1976 gründet Aperghis in Bagnolet, im Pariser Nordosten, die multimediale Theatergruppe ATEM (Atelier Théatre et Musique), ein Laboratorium für Workshops und Aufführungen, deren Programme stets nahe an sozialen Bezügen, oft erst während der Proben entstehen.
Selbst wenn Aperghis Kammermusik komponiert, orientiert er sich an seiner Lust zum Theatralen und Dramatischen, sogar zum Zirzensischen. Schon beim Stuttgarter Eclat-Festival 2015 kommt dies im Titel des «Trio Funambule» für Altsaxophon, Klavier und Schlagzeug zum Vorschein. «Funambule» heißt auf Französisch «Seiltänzer». Reflektiert und austariert werden Kräfte des Gleichgewichts von Klangcharakteren, Grenzregionen von Spektakel und konzertantem Musizieren sowie Interaktionen von Sprache und Bewegung. Seine Idee sei es von Anfang an gewesen, «über das Individuum und seinen Platz in der Gruppe zu arbeiten». So kommentierte Aperghis 2013 in Donaueschingen seine «Situations» für 23 Instrumente. Er beginne damit, kleine fragmentarische Formen in den Raum zu werfen, «wo sich Texturen und Gesten aneinander reiben müssen». Und er suche «nach der Diskontinuität, dem Zickzack, nach der Absurdität mancher Begegnungen» und denke dabei oft an einen Akrobaten, der von einem Seil zum anderen geht oder springt und sich im letzten Moment fängt. Dass ein Stück wie «Situations» für den Zuhörer einen atemraubenden, dabei zerbrechlichen Spannungsbogen der Wahrnehmung und des Erlebens spannt, liegt auf der Hand. «Diese Zerbrechlichkeit, diese Gefahr ist es, die ich suche.»
Beides sind Kennzeichen, die sein Instrumentalwerk wie sein Musiktheater bestimmen: von «Les Sept crimes de l’amour» (1979 für einen Film von Michel Fano komponiert) über «Tristes tropiques» (1990 auf das gleichnamige Buch von Claude Lévi-Strauss) bis zu «Paysage sous surveillance» (2002 nach Heiner Müller). Musik, sagte Aperghis einmal, sei für ihn «der beste Weg, einen anderen Menschen zu verstehen».
Seine Musik beeindruckt mit ihrem Geflecht offen erklärter oder versteckter Theatralität. Im Jahr 2018 verlieh er mit seiner in Berlin uraufgeführten (mit einem Text aus Joseph Conrads «Herz der Finsternis» sowie Wortfetzen von Flüchtlingen versehenen) Komposition «migrants» für zwei Frauenstimmen, Klavier, drei Schlagzeuger und Streicher den an Europas Grenzen Gestrandeten Ausdruck. Georges Aperghis äußerte dazu die Absicht, die Hörer seiner Musik sensibilisieren zu wollen für die humanitären Probleme der Menschheit. Dass ihm 2021 in München der renommierte Ernst-von-Siemens-Musikpreis verliehen wurde, belegt den Rang, den seine Stimme im Universum des musikalisch Neuen einnimmt.
Opernwelt Dezember 2025
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Wolfgang Schreiber
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