Der klare Blick
Mit der «Frau ohne Schatten» lieferte Strauss seine reichhaltigste Partitur ab. Charakteristisch sind vor allem das hypnotische Klarinetten-Schneiden des Falken und das abfallende Dreiton-Leitmotiv Keikobads – fast schon explizit textgewordenes Menetekel zu einer Handlung voller (Mit-)Leid: Die Tochter des Geisterkönigs wirft keinen Schatten, sprich, sie kann keine Kinder bekommen und erscheint als Geist nicht von dieser Welt wie ihr Gatte. Dass AJ Glueckert in der Kölner Inszenierung wie ein der Schubert’schen «Winterreise» verwandt Entwanderter klingt, passt dazu wunderbar.
Das kaiserlich-kinderlose Gespann steht in Hofmannsthals Libretto einem irdischen Paar gegenüber: Färber und Färberin. Die Amme als Vermittlerin und die Kaiserin selbst dringen in diese «reale» Welt ein, um der Färberin ihren Schatten abzuwerben. Gelingt dies binnen drei Tagen, droht der Kaiser zu «versteinen» – was die Stimme des Falken wiederholt, schon fast genüsslich-höhnisch dazu veranlasst, seine Drohung in gesungenes Insistieren zu überführen.
Diese dunkle Märchenhandlung, die dem Publikum qua Partitur Verflucht-Dämonisches wie Leidenschaftlich-Menschliches nahebringt, erscheint in der Sichtweise von ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Arno Lücker
Es ist ein altes Lied im Opernkanon: Die Frau, die zu stark ist, wird entweder brutal ermordet, begeht Selbstmord, tanzt in den Wahnsinn oder löst sich anders tragisch auf. Was zu stark ist, muss zerstört werden, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Und dies ist nicht das einzige Problem: Um den Ausstattungswert zu erhöhen, wird die Handlung oft in märchenhafter...
Märchen oder nicht, das ist hier wohl kaum die Frage. Natürlich ist Leoš Janáčeks am 6. November 1924 im Nationaltheater Brünn (heute Brno) uraufgeführte Oper «Příhody lišky Bystroušky», die im Deutschen unter dem nicht eben elegant übersetzten Titel «Das schlaue Füchslein» auf die Bühnen gelangt, ein solches; ein Sommernachtstraum à la Shakespeare (nur mit...
Schwüles Gedünst? Es ist eher ein Hauch von Grünem Hügel, der am Theatervorplatz nahe dem Tinguely-Brunnen in der Luft liegt. Originale Nürnberger Rostbratwürste und echtes Bayreuther Bier werden da in den Pausen feilgeboten – zu Preisen, die sich von denen der Pausengastronomie der Richard-Wagner-Festspiele nicht besonders unterscheiden. Für den Besucher...
