CD des Monats: Liebesgeflüster
Der Tod schmeckt ungewöhnlich süß. Und er leuchtet in den zartesten Farben. Jedenfalls in diesem Moment, an diesem Ort. Dabei sind die Vorhänge geschlossen im Schlafgemach der Violetta Valéry. Also muss es wohl ein himmlisches Licht sein, das in den Raum hineinfällt: engelsgleich. Giuseppe Verdi hat dafür eine göttliche Musik geschrieben, ein Andante in cmoll, das entfernt an Wagners «Lohengrin» erinnert, an die Aura des Epiphanen, die auch dort waltet.
Hier sind es die geteilten Violinen, die zu weltentrücktspirituellem Gesang anheben; estremamente piano notiert Verdi, und später dolente, schmerzvoll. Den heftigsten Stich aber versetzen im zwölften Takt Oboe und Klarinette, wenn sie gemeinsam mit den Violinen und der schwebenden Quinte im Bass einen Es-Terzquartakkord bilden und die Oboe sich mit ihrem Des am Es der Streicher reibt – wie der Tod an Violettas verwundeter Existenz. Daniel Oren und die Dresdner Philharmoniker kosten diesen Moment so delikat, so detailversessen wie nur möglich aus. Der Klang des Orchesters ist silbrig, matt schimmernd, und nach diesem magischen Beginn steigern der Dirigent und seine Musiker die Spannung kontinuierlich von Takt zu Takt, bis zu jenem Moment der Ekstase, wo Holzbläser und Hörner fortissimo, in gehaltenen Akkorden den Streichern sanft unter die Arme greifen, die kurz darauf jene, mit einem Akzent versetzten Sekundseufzer spielen, die Violettas nahendes Ende ankündigen; binnen eines Taktes verlöschen diese zarten Seufzer vom forte zum pianissimo morendo. Nicht nur in diesem Vorspiel zum dritten Akt zeigt sich, wie weit Oren die Partitur durchdrungen hat und wie sehr er die Dresdner Philharmoniker zu nuanciertem Spiel begeistern kann. Durchgängig zeichnet sich diese Interpretation durch eine bewundernswerte Plastizität und beeindruckende Pianokultur aus. Die Tempi sind minuziös austariert, die motorischen Energien erheblich. Der Klang des Orchesters ist schlank, agil, in den Ball- und Salonszenen von tänzerischer Leichtigkeit – und selbst in den schwerblütigen Momenten dieser tragischen Gesellschaftsoper noch geprägt von hoher Transparenz.
Das macht es für die Sängerinnen und Sänger leichter, sie müssen das Orchester nicht «übertönen». Häufig genug wird Verdis «Traviata» als ein Stück der sentimentalen Überwältigung verstanden, als ein schwerblütig-romantischer Schmachtfetzen. Hier ist das durchaus und überaus wohltuend anders. Kammermusikalische Augenblicke überwiegen (sogar die Chöre sind von Grazie und Anmut durchwirkt), sodass sich das Drama einer richtigen Leidenschaft unter falschen Voraussetzungen vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund wirklich zwischen den drei Hauptprotagonisten abspielt, zwischen Violetta, Alfredo und dessen Vater Giorgio.
Lisette Oropesa deutet diese wohl bekannteste (und damit heikelste) aller Verdi-Heroinen aus dem Geiste Mozarts und des Belcantos. Ihre technisch makellose Stimme besitzt zwar nicht entfernt jenes Volumen, wie es Sonya Yoncheva oder Rachel Willis-Sørensen aufbieten (von der abgründigen Glut der Callas mal ganz zu schweigen), aber sie ist fein artikuliert, höhensicher bis zum dreigestrichenen E in der Schlussphrase «il mio pensier» am Ende des ersten Akts (das Oropesa des Effekts wegen eine Oktave höher singt als in der Partitur notiert) und zumal in den niedrigen dynamischen Bereichen von einer feinnervigen Insistenz, die das Fragile der Figur deutlich unterstreicht.
René Barbera ist kein heldischer Tenor, aber er gebietet über eine stabile Höhe, die selbst seine dreigestrichenen C’s noch befreit strahlen lassen, sowie über eine stupende Klang- und Deklamationskultur, die sich in den Duetten mit Oropesa als wohltuend erweist: Jede Nuance ihres «Liebesgeflüsters», jede psychologische Nuance erscheint als plausibel. Lester Lynch gibt einen warm timbrierten Giorgio Germont; seine große Des-Dur-Arie «Di Provenza il mar» singt der Bariton mit einer Sanftmut und einer profunden Phrasierungskultur, die auch das terzengesättigte, die enge Verbindung zwischen Violetta und Vater Germont musikalisch untermauernde Andantino-Duett zu einem der Höhepunkte dieser an Höhepunkten nun wahrlich nicht armen Aufnahme werden lässt.
VERDI: LA TRAVIATA
Lisette Oropesa (Violetta Valéry), René Barbera (Alfredo Germont), Lester Lynch (Giorgio Germont) u.a.; Dresdner Philharmonie, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Daniel Oren Pentatone PTC 5186956 (2 CDs); AD: 2021
VERLOSUNG Am 8. September um 10 Uhr verschenken wir 3 Exemplare dieser CD-Box an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55
Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 43
von Jürgen Otten
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Als meine Frau Stella Doufexis den Octavian im «Rosenkavalier» von Richard Strauss in der fast schon legendären Inszenierung von Andreas Homoki an der Komischen Oper Berlin gesungen hat. Jedes Mal habe ich geweint, wenn sie sang: « ... und weiß von nichts als nur: Dich hab’ ich lieb.» Dies war und ist auch das einzige Mal, dass ich in der Oper...
Frau Willis-Sørensen, glauben Sie an Wunder?
(lacht) O ja! Schauen Sie nach draußen, die Natur ist der beste Beweis dafür: Nach einem Winter kommt der Frühling. Und solche kleinen Wunder passieren täglich, sie helfen uns, nicht so hoffnungslos durch die Welt stolpern zu müssen.
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Herzog Blaubarts Burg
Die Frau, der Mann: Was soll man meckern?
Er alt, sie jung, er: sehr allein.
Die Burg: sehr kalt, es zieht herein.
Doch sie, sie meint: «Auf deinen Äckern
Zieh’n wir nun hin, lass uns jetzt spüren,
Was Liebe kann – und wie sie geht!»
Er sagt: «Okay!», sie wird konkret:
«Zeig mir, mein Schatz, nun alle Türen!»
Tür eins bis vier: nur Sadumuso.
Tür fünf: C-Dur, ich...
