Breakdance, Bibeln, Banlieue
Wiederholt haben Regisseure gezeigt, was man aus den Balletten machen kann, die in der Pariser Grand Opéra auf den ersten Blick nur überflüssig scheinen. So weit wie Tobias Kratzer in seiner Karlsruher Inszenierung von Meyerbeers «Blockbuster» aus dem Jahr 1849 ist jedoch kaum jemand gegangen: Die Tanznummern im dritten Akt werden (fast ungekürzt) von sechs B-Boys zu Plünderungsszenen getanzt. Einwandererkinder aus dem Schwäbischen spielen mit hinreißenden Akrobatik-Nummern Karikaturen ihrer selbst.
Für Kratzer sind die Underdogs in diesem Sozialdrama keine Bauernkrieger, sondern Jugend-Gangs aus einem trostlosen Wohnsilo der 1970er-Jahre – eine überzeugende Aktualisierung, weil so die Ästhetisierung von Gewalt und die dumpfe Auflehnung gegen alles Bestehende anschaulich werden. Die drei Wiedertäufer, die in diesem antirevolutionären Stück die Massen aufwiegeln und Jean, den tumben Gastwirt aus Leyden, zum charismatischen «Führer» aufbauen, sind wie Mormonen gekleidet und tragen wie Jesus Sandalen. Gleichsam als Vertreter eines AS, eines «Anabaptistischen Staates» wissen sie um die Macht von Bildern. Jeans Triumph-Hymne am Ende des dritten Akts, eine atemberaubende Vorwegnahme einer ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Anselm Gerhard
The Story of Semele», das 1744 uraufgeführte Oratorium Händels, hat seit 1925 den Weg auf die Opernbühne gefunden, und neuerdings wird es mindestens einmal jährlich neu inszeniert. Nicht einmal Spezialisten wussten aber von einer merkwürdigen Aufführung im Schiller-Jahr 1905. Christiane Wiesenfeldt rekonstruiert im neuesten Band der «Göttinger Händel-Beiträge» eine...
Gounods Goethe-Erfolg, eine der (gar nicht so) geheimen Lieblingsopern Thomas Manns, kann auch im 21. Jahrhundert noch auf Interesse und Bewunderung stoßen. Die Chor-, insbesondere die Kriegsszenen sind nicht allzu weit von Verdi’schem Schwung entfernt, und den Intimitäten des im Mittelpunkt stehenden vokalen Trio infernale sind bedeutende Schön- und Apartheiten...
Nicht dass er unzufrieden wäre mit seiner Karriere. Aber eine Sache wurmt Mariss Jansons schon: Oper, die hätte er gern häufiger dirigiert. Vieles spielt da eine Rolle. Gewiss sein Herzinfarkt 1996 während einer «Bohème», aber auch sein Hang zum Kontrollator – der 72-Jährige fühlt sich unwohl, wenn er nicht Herr selbst der kleinsten Dinge ist. Im aufwendigsten...
