Borderline-Passion
Ausgerechnet der als Regietheaterschreck in Verruf geratene Tilman Knabe hat mit seiner gesellschaftskritischen Sicht auf Wolfgang Rihms Kammeroper «Jakob Lenz» für den späten Saisonhöhepunkt am Nürnberger Staatstheater gesorgt. Dass das begeisterte Publikum nach der Premiere gar nicht aufhören wollte mit dem Applaudieren, hat gute Gründe. Die Musik der 1979 uraufgeführten Kammeroper ist zwar komplex, aber dank vieler Zitate und ausgefeilter Charakterisierungskunst durchaus eingängig. Mit irrlichternder Zartheit und expressiver Wucht geht es hier ans Eingemachte.
Nur elf Instrumentalisten unter dem umsichtig dirigierenden Guido Johannes Rumstadt genügen, um ein zwischen Tonalität und Atonalität changierendes Klanguniversum zu schaffen, das auch spricht, wenn die ausdrucksstarken Stimmen der drei Solisten und des sechsköpfigen Vokalensembles schweigen, das die Visionen und Wahnvorstellungen der Hauptfigur hör- und erlebbar macht.
Wie der von Georg Büchner dem Vergessen entrissene Schriftsteller scheitert auch Rihms Jakob Lenz (Libretto: Michael Fröhling) nicht nur an der Liebe und seinen Neidern. Sondern vor allem an den Stimmen in seinem Kopf – und in Nürnberg auch an der Welt, ...
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Opernwelt August 2019
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Monika Beer
Countertenöre scheinen die Welt der Barockoper heute so zu beherrschen, wie es früher die Kastraten taten, als deren moderne Wiedergänger die falsettierenden Sänger heute oft verstanden werden. «Historisch informiert», wie eine häufig gebrauchte Zauberformel der Aufführungspraxis lautet, ist diese Besetzungsoption freilich nicht. Würde man sich anhand der Quellen...
Den Psychothriller des italo-amerikanischen Neoveristen mit dem grotesken Bilderbogen des seriellen Nachkriegsavantgardisten, sprich: Gian Carlo Menottis «The Medium» und Bruno Madernas «Satyricon», zu einem Doppelabend zusammenzuspannen, mochte zunächst irritieren, erwies sich aber als höchst hintersinnige, ja geradezu spannende Konfrontation zweier nur scheinbar...
Als ich Michael Kraus zum ersten Mal in Glyndebourne begegnete, beeindruckten mich nicht nur seine Stimme und Bühnenpräsenz, sondern auch die nüchterne Haltung zum Sängerberuf. Er ist ein Künstler, der Lob scheut, sich nichts vormacht. Beste Voraussetzungen für die Aufgabe, die er ab 2020 übernimmt: die Leitung des neuen Opernstudios an der Wiener Staatsoper.
Mic...
