Blutspur der Zivilisation
Der Mord ist sorgsam vorbereitet. Kein Hörspiel könnte das besser, subtiler, spannender hinkriegen. Zuerst führt der Mörder sein Opfer in die allerschönste Natur. Dort singt er es – im Schatten von Myrthen – in den Schlaf. Die Arie, mit der das geschieht, ist Teil einer infamen Taktik, aber sie streichelt unser Ohr mit größter Zärtlichkeit. Der Text spricht von einem murmelnden Bächlein und sich sanft kräuselnden Wellen. Alessandro Scarlatti hat dazu eine hintersinnig aufgeladene Entspannungsmusik geschrieben. Gleichmäßig wiegende Koloraturen malen idyllischen Frieden.
Doch das Wort «mormora» (murmeln), das sich auf ein Bächlein bezieht, wird so nachdrücklich wiederholt, dass der Wortstamm ganz andere semantische Schichten nahelegt: «morire» zum Beispiel, oder «morta». Der Mordgedanke ist einkomponiert – diskret, aber unüberhörbar. Soll noch einmal jemand sagen, musikalische Affekte des Barock seien eine eindeutige Sache, oder das Unterbewusstsein eine Entdeckung der anbrechenden Moderne. Mit der nächsten Musiknummer setzt Scarlatti noch eins drauf. Das scheinbar ahnungslose Opfer greift den Natur-Singsang auf und haucht – kurz vor dem Wegdämmern, in langgezogenem Pianissimo – ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch
Zwei Nachteile hat die aktuelle Therapie. Die Spritze piekst, und das Gesicht friert (im besten Fall zum Dauerlächeln) ein. Mal abgesehen von der Schuldlast, hatte also die Methode von Elisabeth Báthory, das verjüngende Bad im warmen Blut, der Botox-Injektion einiges voraus. Hunderte Mädchen ließ die ungarische Gräfin dafür bis zum Tode auspeitschen, stechen und...
Der 1813 entstandene «Faust» von Louis Spohr gehört zu den mehr gerühmten als wirklich bekannten, gar aufgeführten Hauptwerken der deutschen romantischen Oper; ja, er markiert, zusammen mit der «Undine» des Dichterkomponisten E.T.A. Hoffmann, recht eigentlich deren Beginn. An Goethe und die spätere musikalische «Faust»-Metaphysik des 19. Jahrhunderts darf man...
Die größte Herausforderung, will man Antonio Vivaldis Oratorium «Juditha Triumphans» auf die Opernbühne bringen, besteht sicher darin, die fünf vorgeschriebenen Frauenstimmen in mittlerer bis tiefer Tessitura, die der Komponist seinerzeit für die Premiere im Mädchen-Waisenhaus Ospedale della Pietà auswählte, so charakteristisch zu casten, dass sich ihre Farben...
