Blinde Flecken
Gletscher? War da mal was? Richtig, das waren diese majestätischen Eisgebilde, die Berglandschaften spektakulären Glanz verliehen, bevor die Menschheit begann, immer mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre zu feuern. In den 1920er-Jahren waren sie noch weitgehend intakt, ein vertrauter Anblick, so dass Ernst Křenek für seine Oper «Jonny spielt auf» einen Gletscher als Schauplatz wählte. Eine der Hauptfiguren, der Komponist Max, zieht sich auf der Suche nach Inspiration ins Eis zurück.
Am Prager Nationaltheater zeigt uns Regisseur David Drábek nun, dass dieser magische Blick auf die Natur nicht mehr existiert, dass ihn längst die Logik kommerzieller Verwertung verdrängt hat. Also sehen wir auf der Bühne topografische Karten, wie man sie aus Skigebieten kennt, mit Liften und Pisten, die die weißen Panoramen wie Tumore überziehen. Um einen Rest Naturmystik im ersten Bild zu bewahren, lässt Drábek Zwerge und Tiere tanzen, während Max sich in die Sängerin Anita verliebt. Sie ist freilich keine Seelenverwandte des Romantikers, sondern Protagonistin einer die Natur als Ressource, sprich: als Erholungsraum nutzenden Moderne: Sie hat sich nur vom nahegelegenen Hotel ins Eis verlaufen.
In den ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Udo Badelt
Kurz nach der Uraufführung seines gemeinsam mit dem Komponisten Philip Glass entwickelten Kultstücks «Einstein on the Beach» im Juli 1976 stellte Robert Wilson rundheraus fest: «Verdi mache ich nie.» Nun ja. Ist doch der «Trovatore», den der texanische Theatermann jetzt in Bologna vorstellte – eine Koproduktion mit dem Verdi Festival in Parma –, inzwischen seine...
Solche Abende gibt es. Sie heben hoch an, schütten aus extremer (Fall-)Höhe eine Unmenge an Bildern, Assoziationen und Allusionen auf die Bühne herab, sind für sich genommen virtuos in ihrer Diskursvernarrtheit – aber das eigentliche Stück, seine Psychologie, mehr noch: die musikalische Semantik vergessen sie darüber fast vollständig. Ein solcher Abend ist die...
Im Foyer hängen Girlanden schimmernder Metallornamente von der Decke. Was sich da kokett in jedem Luftzug dreht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Mobile des Tragischen: Man entdeckt Pistolen, gefrorene Tränen, Schusswunden. Nick Caves Installation «Until», 2016 bei Koproduktionspartner Massachussets Museum of Contemporary Art herausgekommen, ist als Denkmal...
