Bittersüße Rache
Kinder, sagt man, können grausam sein. Sie quälen Tiere, streuen heimlich Reißzwecken auf Lehrerstühle, und manchmal vergreifen sie sich auch an ihresgleichen. Einfach so. Aus Lust, vielleicht aber schon mit dem Wissen darum, dass Macht eine geradezu magnetische Anziehungskraft besitzt. Die Szene, die sich während Ouvertüre und Introduktion zu Fromental Halévys «La Juive» auf der Bühne der Staatsoper Hannover abspielt, bestätigt diesen Eindruck.
Ein Junge hüpft durch die mit Kreide auf den Boden gezeichneten Quadrate, dorthin, wo er zuvor einen kleinen Stein hingeworfen hat, konzentriert, selbstvergessen, verspielt. Doch während eine jubelnde Menge auf einer Tribüne am linken Rand Platz nimmt und die Lobpreisung des Herrn anstimmt, tritt ein anderer Junge hinzu und stößt ihn brutal zur Seite. Ohne Sinn, ohne Verstand.
Aber nicht ohne Grund. Denn sein Opfer trägt eine Kippa auf dem Kopf. Er nicht. Und darin liegt die tieftraurige Botschaft dieses Vorfalls. Es ist der Christenjunge, der den Judenjungen malträtiert. Weil er anders ist, weil er an einen anderen Gott glaubt. Und weil er, der Christenjunge, glaubt, seine Religion sei die bessere, rechtgläubige: orthodoxe. Die Freiheit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
In ihrer Reihe «Opern aus den Archiven der Welt» haben Werner Ehrhardt und sein Ensemble L’arte del mondo schon mehrere Bühnenwerke wieder ans Licht befördert, die im 18. Jahrhundert überaus beliebt waren, um dann vergessen zu werden. Nach «La scuola de’ gelosi» (2015) folgt mit dem Dramma giocoso «La fiera di Venezia» jetzt eine weitere Buffa von Antonio Salieri,...
Assoziativ verbindet man mit dem Vornamen Karl zunächst einmal Großes. Doch auch das Widerspiel ist möglich. Etwa beim von Helmut Qualtinger so grandios gezeichneten Präzedenzfall aller Opportunisten, dem Herrn Karl, einem begnadeten Teilhabeverweigerer, der sich stets, wenn er Unglücks ansichtig wird (und sehr aktuell), mit «Karl, du bist es nicht …» aus der...
Alle Beschränkung beglückt», vermerkte Arthur Schopenhauer. Er tat dies in Hinsicht auf seine Erkenntnistheorie, nicht auf den von Arnold Schönberg geschaffenen «Verein für musikalische Privataufführungen». Doch im geschärften Blick auf das Wesentliche mögen sich gemeinsame Glücksmomente ergeben – etwa in der musikalischen Bearbeitung, die Schönberg Gustav Mahlers...
