Betörend verstörend

Purcell: Miranda an der Oper Köln

Opernwelt - Logo

Im Saal 2 des StaatenHauses in der heiligen Stadt Köln öffnet sich ein moderner Kirchenraum: Graue Sichtbetonwände begrenzen das schmucklose Interieur, erleuchtet durch gedämpftes Licht aus puristischen Hängeleuchten. Es ist ein Raum, der frösteln lässt. Man glaubt, feuchte Kühle zu spüren, irgendwie riecht es nach Kerzenwachs und gerade verflogenem Weihrauchduft. Diese karge Kirche von Bühnenbildnerin Chloe Lamford befindet sich laut Programmheft an der rauen Küste von Suffolk, wo Benjamin Britten lange lebte und auch sein Außenseiter-Drama «Peter Grimes» spielt.

Doch im StaatenHaus ertönt nicht Musik des 20. Jahrhunderts, sondern Barockes vom «Orpheus Britannicus» Henry Purcell und einigen seiner musikalischen Vorfahren. Die Handlung indes geht noch weiter zurück – auf William Shakespeares «Sturm». Zugleich springt sie in eine nicht näher bestimmte Gegenwart: Regisseurin Katie Mitchell und Autorin Cordelia Lynn haben Prosperos Tochter Miranda ins Zentrum gerückt und ihre Geschichte in die Gegenwart fortgeschrieben, Dirigent Raphaël Pichon hat zu diesem Experiment feinsinnig Bühnenmusiken und Lamenti zu einem barocken Pasticcio zusammengefügt.

Im Vorspiel wird nachts in der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 12 2022
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Regine Müller

Weitere Beiträge
Unergründlich

Zwei Menschen: Sie, eine junge slowakische Jüdin, die 1942 mit dem ersten Frauentransport nach Auschwitz kommt; er, gleichaltrig und ein Aufseher, ein glühender Antisemit, der sich mit 17 freiwillig zur SS gemeldet hatte und als besonders brutal gilt. Sie muss ihm zum 21. Geburtstag ein Ständchen bringen – er verliebt sich in sie. Er rettet ihrer Schwester das...

Unheilige Mixtur

Einen einzigen Kuss nur, «un sol bacio», wollen die Kerle erhaschen. Und das geht, weil das Entsetzen darüber explodiert, bei Mozart alles andere als gemächlich ab. Hier, im ersten Finale, rast das Bühnenpersonal musikalisch sogar davon – und lässt Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester hinter sich zurück. Kann bei einer Premiere schon mal passieren....

Das Gute siegt

Im Zusammenhang mit Johann Simon Mayr fällt dem Autor dieser Zeilen stets der Aphorismus ein, den der Literat Alfred Polgar gleichsam virtuell in eine Marmortischplatte des Wiener «Café Central» ritzte: Mancher Komponist hätte Opern und Symphonien geschrieben und lebte doch nur in einer Fußnote der Musikgeschichte weiter. Im Falle Mayrs bezieht sich diese auf das...