Betörend verstörend

Purcell: Miranda an der Oper Köln

Opernwelt - Logo

Im Saal 2 des StaatenHauses in der heiligen Stadt Köln öffnet sich ein moderner Kirchenraum: Graue Sichtbetonwände begrenzen das schmucklose Interieur, erleuchtet durch gedämpftes Licht aus puristischen Hängeleuchten. Es ist ein Raum, der frösteln lässt. Man glaubt, feuchte Kühle zu spüren, irgendwie riecht es nach Kerzenwachs und gerade verflogenem Weihrauchduft. Diese karge Kirche von Bühnenbildnerin Chloe Lamford befindet sich laut Programmheft an der rauen Küste von Suffolk, wo Benjamin Britten lange lebte und auch sein Außenseiter-Drama «Peter Grimes» spielt.

Doch im StaatenHaus ertönt nicht Musik des 20. Jahrhunderts, sondern Barockes vom «Orpheus Britannicus» Henry Purcell und einigen seiner musikalischen Vorfahren. Die Handlung indes geht noch weiter zurück – auf William Shakespeares «Sturm». Zugleich springt sie in eine nicht näher bestimmte Gegenwart: Regisseurin Katie Mitchell und Autorin Cordelia Lynn haben Prosperos Tochter Miranda ins Zentrum gerückt und ihre Geschichte in die Gegenwart fortgeschrieben, Dirigent Raphaël Pichon hat zu diesem Experiment feinsinnig Bühnenmusiken und Lamenti zu einem barocken Pasticcio zusammengefügt.

Im Vorspiel wird nachts in der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 12 2022
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Regine Müller

Weitere Beiträge
Grauer Mitläufer

Seit Michael H. Kater 1995 in den «Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte» Carl Orff der «Widerstandslüge» bezichtigt hat, gilt der durch seine «Carmina Burana» weltweit populäre Bajuware als der Musikopportunist Hitler-Deutschlands schlechthin. Jetzt rollt der Wiener Zeithistoriker Oliver Rathkolb den Fall in einem fakten- und materialreichen Buch grundsätzlich...

Wegweisend

Claudio Monteverdis venezianisches Spätwerk «Il ritorno d’Ulisse in patria» liegt seit Nikolaus Harnoncourts bahnbrechender Einspielung aus dem Jahr 1971 in zahllosen Aufnahmen vor. Wer sich dieser erdrückenden Konkurrenz ernsthaft stellen will, muss etwas Neues zu sagen haben! Wie der französische Dirigent Stéphane Fuget, der bisher hauptsächlich mit geistlichen...

Fahr’ mit mir zum Himmel, Liebling!

Die Oper ist eine katholische Kunstform und führt durch Himmel und Hölle, durch Verdammnis und Erlösung. Alberto Franchettis nach fast einhundert Jahren in Vergessenheit erstmals wiederaufgeführter «Asrael» erfüllt diese Bestimmung auf fast schon fatale Weise. Franchettis Librettist Ferdinando Fontana hat die krause Erzählung vom Engelspaar Asrael und Nefta, die...