Bemühte Stärke, gepflegte Schönheit
Bei Händel findet sich für alle etwas. Die emotionale Palette seiner Musik scheint unerschöpflich. Das Farbenspiel der klingenden Affekte ist so raffiniert, in so feinen Nuancen ausdifferenziert, dass nichts und niemand vorgeführt, auf die eine, vermeintlich wesenhafte Eigenschaft reduziert wird.
Auch wenn ihm, zumal dem risikofreudigen Theaterunternehmer in London, der Gedanke nicht fremd war, im Rahmen des zu seiner Zeit Möglichen ordentlich Eindruck zu schinden, sprich: die Koloraturen-Börse des Seria-Marktes mit kühnsten Titeln anzuheizen, liegt Händels eigentlicher Rang doch in der Kunst der Zwischentöne. Sein Werk, vor allem die Opern und Oratorien, bringt die Natur der menschlichen Existenz in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zum Klingen. Deshalb fährt es uns auch 261 Jahre nach seinem Tod noch unter die Haut. Selbst wenn die Anstrengungen zu hören sind, die jede Erkundung seiner wundersamen Ausdruckssphären fordert.
Der Sopranistin Margriet Buchberger und dem Ensemble Il Giratempo, die dem unüberschaubaren Händel-Recital-Fundus nun unter dem Motto «Witches, Queens & Heroines» eine CD über starke Frauenfiguren hinzufügen, ist das Arbeiten am Material durchaus anzumerken. ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 18
von Albrecht Thiemann
Der musikalisch ungemein hellhörige Philosoph Ernst Bloch entdeckte die Anagnorisis als «Topos für einen ungeheuren Einschlag in einem dadurch ungeheuer werdenden Augenblick, in dem die Musik zeigen muss, was sie kann». Als ein grandioses Beispiel für das klassische dramatische Element in der aristotelischen Tragödie beschreibt er das Wiedererkennen der seit...
Das Gesicht ist klassisch schön, dunkel, klug, nachdenklich blickt es in einen Tischspiegel. Seit Beginn dieser Spielzeit empfängt Mary J. Blige als «Queen B.» solcherart das Publikum im Zuschauerraum der Wiener Staatsoper. Die Rhythm-and-Blues-Diva findet sich im Mittelpunkt eines fotorealistischen Tableaus der afroamerikanischen Konzeptkünstlerin Carrie Mae...
Irgendwann einmal wird man hoffentlich nicht mehr erzählen, wie eine Operninszenierung mit den herrschenden Hygieneregeln umgeht. Aber noch ist es interessant zu sehen, dass es kluge Lösungen gibt, die nichts von einem Behelf haben, die in sich sinnstiftend sind. Fällt es noch relativ leicht, die Solisten auf Abstand zueinander auf der Bühne zu halten, so bleiben...
