Auf Teufel komm raus
Während der Ouvertüre zu Wagners «Fliegendem Holländer» erregt zunächst – da wir ziemlich nahe am Orchestergraben sitzen – einer der Kontrabassisten der Musiciens du Louvre unsere Aufmerksamkeit. Der Mann gibt offenbar sein Leben für die Dämonen dieser Musik, lässt den Bogen mit enormem Körpereinsatz über die Saiten tanzen. Spannend. Oben auf der Bühne erscheint derweil ein sehniger Tänzer und beginnt, sich an einem Schminktisch links an der Rampe das Gesicht schwarz zu malen.
Er wird Satan sein, der Seelenfänger – eine der Erfindungen des Regisseurs Olivier Py, mit denen man nicht nur Freude hat. Danach kommt eine junge blonde Frau und schreibt mit Kreide das Wort «Erlösung» an eine hohe schwarze Wand aus zusammengeleimten Brettern. Später – doch noch während der Ouvertüre - liegt sie tot. Es ist Senta. Zumindest behauptet das die Inhaltsangabe im Programmheft. Der Prolog als Epilog.
Der Schminktisch ist im übrigen ein Signal für den Abend: Wir sind im Theater. Pierre-André Weitz’ Dekoration hat denn auch etwas von einer Bretterbühne; es könnten aber auch schwarz geteerte Planken eines Schoners sein. Oder einfach abstrakte Wände, die von der Drehscheibe in Bewegung gehalten werden. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Gerhard Persché
Der Mensch neigt bekanntlich dazu, das Glas als halbleer zu betrachten. Er sehnt sich nach dem, was er nicht hat, nicht haben kann und vielleicht auch niemals haben wird. Opernfreunden geht es da nicht anders. Sie trauern um die vielen verlorenen Werke aus der frühen Zeit des Musiktheaters, ganz besonders um die aus der Feder Claudio Monteverdis. Dabei weiß gerade...
Zum 218. Geburtstag Gaetano Donizettis beschenkte seine Heimatstadt Bergamo die Bürger sowie Fans aus aller Welt mit einer Besonderheit: Das nach dem Komponisten benannte Festival und Theater brachten die Originalversion von «Anna Bolena» auf die Bühne, unter Verwendung einer demnächst erscheinenden kritischen Neuedition. Das ehrgeizige Ziel: eine möglichst genaue...
Das Wort «Nationalkolorit» klingt hübsch, fast niedlich. Es muss erfunden worden sein von Menschen guten Willens, die das Nationale für eine äußere Farbe auf universellen Formen hielten. Sie glaubten, als hermeneutische Optimisten, an einen Hintergrund massiver Übereinstimmung, der einen Vordergrund massiver Buntheit zulässt. Doch die Zensoren von Zar Alexander II....
