Auf der Psycho-Couch
Auf den Titelblättern der Programmhefte dieser beiden Musiktheater-Novitäten prangt (sie sind im selben Hellrot wie das Schriftlogo «Staatsoper Hamburg» gesetzt) eine Zahl, die Bände sprechen soll. Eine «22» für Unsuks Chins «Die dunkle Seite des Mondes», eine «23» für Rodolphe Bruneau-Boulmiers «Die Illusionen des William Mallory».
Das Leitungsduo des Hauses an der Dammtorstraße, Kent Nagano und Georges Delnon, weist somit darauf hin: In ihrer nach zehn Jahren zu Ende gehenden Zeit an Elbe und Alster waren Uraufführungen kein Feigenblatt, sie gehörten zum Selbstverständnis. Für Opernfans mit Geschichtsbewusstsein lassen die beiden Herren deutlich mitschwingen, dass ihnen das bislang Unerhörte so sehr ein Anliegen war wie einst Rolf Liebermann, der während seiner legendären ersten Hamburger Ära lukratives Star-Theater und eine beherzte Uraufführungskultur konsequent auszupendeln wusste. Dabei galt für den Schweizer damals so sehr wie für seinen Landsmann jetzt: Nicht jedes frisch aus der Taufe gehobene Opus geht in die Geschichtsbücher ein. Da gab es weiland neben Kagels frech skandalöser Anti-Oper «Staatstheater» auch manches, was danach schnell in den Archiven verschwand. Der Mut ...
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Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 32
von Peter Krause
Antonio Vivaldis anno 1735 im Teatro San Samuele uraufgeführte «Griselda», sein einziges Bühnenwerk für Venedig, gehört trotz regelmäßiger Produktionen nicht zu den Spitzentiteln des Barockbooms. Aus woker und auch aus gelassenerer Perspektive auf patriarchale Sinnkonstrukte ist das Sujet dieser Opera seria nur äußerst schwer erträglich. Nun gelangte sie mit dem...
Zu den großen Opernfiguren, die nicht mit Empathie rechnen dürfen, gehört die Küsterin in Leoš Janáčeks «Jenůfa». Dass es nicht das Glück der jungen Frau ist, für das Buryja zur Kindermörderin wird, sondern ihr bigotter Wunsch, die Ziehtochter noch gut verheiraten und damit den eigenen Ruf retten zu können, macht sie zur gemeingefährlichen Vertreterin bürgerlicher...
Der Mann war ein Unhold. Ihm mit Kunst zu «begegnen», darf als Wagnis gelten – welches aber, obschon auf verschiedenste Weise, gelingen kann. Bei den Filmfestspielen in Cannes kam Mitte Mai ein Film heraus, der vom «Verschwinden des Josef Mengele» erzählt – zunächst von dessen Flucht nach Südamerika, dem geheimen Besuch der BRD, von seiner Hochzeit in Argentinien,...
