Angst essen (russische) Seele auf
Im «Einheitlichen Staat» funktioniert alles reibungslos, nach mathematischen Prinzipien eingerichtet vom Großen Wohltäter. Die Menschen tragen Nummern und sind alle gleich. Für ihre «glücklichen Stunden» werden sie einander zugelost, sodass sie sich nicht mehr in Gefühle verstricken müssen. Dem Großen Wohltäter sind sie dafür so dankbar, dass sie ihn regelmäßig beim «einheitlichen Wählen» akklamieren. Nur wer Fantasie besitzt, sollte sich besser in Acht nehmen, könnte er doch so etwas Krankes wie eine «Seele» entwickeln.
Dann droht am Ende die saubere, unblutige «Auslöschung» …
1920, nur drei Jahre nach der Oktoberrevolution, entwarf der russische Schriftsteller Jewgeni Samjatin diese bitter-ironische Vision über den Staat, in dem er bis zu seiner Emigration nach Frankreich zu leben gezwungen sein würde. Dem Roman «Wir» wurde in der jungen Sowjetunion die zweifelhafte Ehre zuteil, als Erster verboten zu werden. Im Westen dagegen wurde er zur heutzutage leider viel zu wenig gelesenen Inspirationsquelle für die verblüffend ähnlichen Dystopien Aldous Huxleys und George Orwells.
Am Theater Regensburg steht der Chor mit Abständen in Reih und Glied: Haarlose, einheitlich eisgrau ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Michael Stallknecht
Es ist etwas Seltsames um Leoš Janáčeks «Jenůfa»: Eigentlich haben wir heute keinen Bezug mehr zu einer moralinsauren, ländlichen Welt von vor anderthalb Jahrhunderten, in der eine uneheliche Schwangerschaft das ganze dörfliche Leben auf den Kopf stellt und nicht nur den werdenden Eltern, sondern sogar deren Ziehmutter immerwährende Schande bereitet. Aber wir...
Händels Oper «Alcina» gehört zu den Werken, deren Handlung aus einem Wust aus Namen, Verlobungen und Verkleidungen besteht. Das Beste, was einem solchen Stück passieren kann, ist eine Regie, die dieses Gewirr so auf die Bühne bringt, dass man als Zuschauerin dem Geschehen mühelos folgen kann. So geschehen am Theater Stralsund.
Auf die nur sprichwörtlich «einsame...
Die Tonart verheißt nichts Gutes. Es-Moll, das riecht nach Tod, in manchen Fällen auch nach einer gewissen Art von Tod. Und die gute Liù weiß, dass ihr ein solch harsches Ende droht, weiß es seit dem ersten Akt, als ihr dieses tieftraurige es-Moll schon einmal begegnete, in jenem andante triste, als das Volk von Peking, leider vergeblich, um Gnade für den jungen...
