Anarchie und Ennui

Berliner Sommermusiktheater: John Adams’ «Nixon in China» an der Deutschen Oper, Marc-André Dalbavies «Melancholie des Widerstands» als Uraufführung an der Staatsoper

Opernwelt - Logo

Potzblitz, Parbleue und Himmelsakrament! An der Deutschen Oper Berlin ist der kurze (Früh-)Sommer der Anarchie ausgebrochen. Das Musiktheaterkollektiv «Hauen und Stechen» hat sich John Adams’ augenzwinkernder Politparabel «Nixon in China» angenommen, eines Stücks, das seit seiner Uraufführung 1987 in Houston Geister und Gemüter spaltet.

Verfechter der Minimal Music halten es für eine der größten Schöpfungen auf dem Gebiet des Musiktheaters nach 1945; westeuropäische Avantgardisten verspotten es als eklektisch-filmmusikalisches Kaleidoskop aus verschiedenen, selbst aber schon veralteten Stil -kopien. Und, ja, man kann das so sehen: In seiner monochromen Dur-Moll-Tonalität, mit seinen Anklängen an Teile der Operngeschichte (vor allem Wagner), an den Jazz, das Musical und Songwriting wirkt «Nixon in China» in der Tat wie ein Kessel Buntes. Aber nur dann, wenn man sich jenem Hörertypus Adornos zurechnet, der das Ressentiment vor die sachliche Analyse stellt.

Diese nämlich ergibt ein erhebliches Raffinement in der Struktur des Stücks. Die repetitiv aufsteigenden diatonischen Tonleitern der Introduktion wirken zwar hochgradig naiv, sie bekunden aber zunächst einmal nicht mehr als die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Frühlingsgefühle

Bedřich Smetana ist im kollektiven Musikgedächtnis als Komponist der «Moldau», dem prominentesten Teil des symphonischen Zyklus «Má vlast» (Mein Vaterland) abgespeichert. Aus Smetanas Opernschaffen hat eigentlich nur die «Verkaufte Braut» ihren Weg ins Kernrepertoire gefunden. Und die scheint derzeit aus der Mode gekommen, von den großen Häusern brachte zuletzt die...

Editorial Opernwelt 8/24

Auf den ersten Blick haben die Mini-Soap «For the Drama», die man, so die Tapferkeit groß ist, in der ARD-Mediathek abrufen kann, und die Entscheidung vieler öffentlich-rechtlicher Rundfunk- und Fernsehanstalten, Kultursendungen zu kürzen oder gleich ganz aus dem Programm herauszustreichen, nicht viel miteinander zu tun. Sieht man etwas genauer hin, ergeben sich...

Schwarze Löcher

Beethovens «Fidelio» mit seinem Nebeneinander von Biedersinn und der Feier des Humanen stellt jede Regie zunächst einmal vor ein generelles Problem. Was tun mit dem widersprüchlichen Werk? Ob die zur Gewohnheit gewordene Lösung dieses Problems durch ein oratorienhaftes Blow up ins Allgemeinmenschliche noch trägt, darf und muss man bezweifeln; zugleich bietet die...