Alles atmet, alles fließt

Aber nur im Graben: Während Dirigent Will Humburg unmittelbar den Nerv der Musik trifft, verfehlt Vincent Boussard in Dortmund Verdis «traviata»

Opernwelt - Logo

Verdis «La traviata» gehört zu den weltweit populärsten Werken des Musiktheaters. Dass sie mehr zu bieten hat als nur Ohrwürmer einer romantischen Passion, dass schon hier und nicht erst im «Otello» oder «Falstaff» jede Note zählt, wird allzu häufig vergessen, weil der Theaterschlendrian zahllose Feinheiten und damit die dramatische Wahrheit der Partitur einebnet. Nicht so in der Dortmunder Neuinszenierung, in der mit Will Humburg ein Dirigent am Pult seines Amtes waltet, der Verdis Musik radikal ernst nimmt.

Er realisiert nicht nur, was dasteht (schon das entschieden ein Fortschritt gegenüber der üblichen Schlamperei), sondern auch – und erst das ist Interpretation! –, warum es dasteht.

Das beginnt bei den Details der von Verdi aufs Genaueste bezeichneten Artikulation, bei Dynamik, Phrasierung und Tempo (in ihrer stets gestischen Funktion wie der deklamatorischen Bedeutung) und kulminiert in dem inneren Spannungsbogen, den Humburg über das Ganze der drei Akte wölbt. Was wir hören, «atmet», wirkt nicht einen Takt lang mechanisch und klingt selbst in den Wiederholungen nie identisch, denn dieser Dirigent geht nicht nur mit den Sängerinnen und Sängern mit, er beherrscht auch das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Der Klage Klang

Das Solo des Englischhorns tönt hier so hell, klar und schlank aus dem Graben, als wolle es das «Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande» hervorrufen. Doch keine Pastoral-Idylle einer nie geschriebenen zweiten Oper Ludwig van Beethovens wird von diesem imaginären, Schalmei blasenden Hirten im dritten Aufzug mit Klängen gemalt. Tristan identifiziert...

Nürnberg alaaf!

Endlich bekommt man die Beckmesser-Harfe einmal zu Gesicht! Dieses wie auf dürren Vogelbeinen stehende Zwerginstrument, das Richard Wagner erfand (oder erfinden ließ), um den gewünschten Fake-Klang für die Laute des Merkers zu erreichen: ein wenig kläglich, aber doch so, dass die Töne gut zu hören sind in einem großen Opernhaus. In Bonn bringt Beckmesser die Harfe...

Freiheit ist nur ein Wort

Ein leises «Ach!» entfährt Alkmene am Ende von Kleists Tragikomödie «Amphitryon», sie hat ja auch allen Grund dazu. Was ihr zuvor widerfuhr, hätte wohl auch stärkere Naturen aus der Bahn geworfen; fragt sich nur bei Lichte besehen, ob die göttliche Einmischung in ihre etwas angestaubte Ehe mit dem bedauernswerten Titelhelden nicht womöglich einem innigen...