Der Klage Klang
Das Solo des Englischhorns tönt hier so hell, klar und schlank aus dem Graben, als wolle es das «Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande» hervorrufen. Doch keine Pastoral-Idylle einer nie geschriebenen zweiten Oper Ludwig van Beethovens wird von diesem imaginären, Schalmei blasenden Hirten im dritten Aufzug mit Klängen gemalt.
Tristan identifiziert die «alte ernste Weise» in einer veritablen Wagner-Alliteration mit der «Klage Klang»: Gar «sehnsuchtsbang» tönt sie dem der Welt abhanden gekommenen Helden, «durch Abendwehen drang sie bang, als einst dem Kind des Vaters Tod verkündet». Unendliche Einsamkeit und Trostlosigkeit liegt in dieser weit ausgesponnenen Melodie, die von der Regression des Nachtgeweihten kündet, den es in der Stunde seines Todes in den Mutterleib zurückzuziehen scheint.
Nicht so in der Premiere von «Tristan und Isolde» am Grand Théâtre de Genève. Denn das Orchestre de la Suisse Romande geht diese Musik genuin französisch an, flüssig im Tempo, kammermusikalisch fein austariert im polyphonen Geflecht, kurz: luzide und lukullisch. Die vielen schönen Stellen lassen an Strauss denken. Marc Albrecht treibt die Tempi mitunter auch derart sportlich an, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2024
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Peter Krause
Jeanine Tesori hat einige der originellsten und bewegendsten Bühnenwerke der jüngeren Broadway-Geschichte geschaffen, darunter «Caroline, or Change» (2004, gemeinsam mit dem Drehbuchautoren und Schriftsteller Tony Kushner), «Fun Home» (2011) und «Kimberly Akimbo» (2021). Ausgebildet und geübt sowohl in klassischem als auch populärem Stil und Repertoire, hat Tesori...
Verdis «La traviata» gehört zu den weltweit populärsten Werken des Musiktheaters. Dass sie mehr zu bieten hat als nur Ohrwürmer einer romantischen Passion, dass schon hier und nicht erst im «Otello» oder «Falstaff» jede Note zählt, wird allzu häufig vergessen, weil der Theaterschlendrian zahllose Feinheiten und damit die dramatische Wahrheit der Partitur einebnet....
Wie kein Komponist vor ihm und kaum einer nach ihm hat Mozart in den drei Da-Ponte-Opern Kunstfiguren geschaffen, die zugleich wirkliche Menschen sind. Die Musik enthüllt ihre tiefsten, ja ganz und gar abgründigen Emotionen und verortet sie dennoch in den sozialen Spannungen der patriarchalen Gesellschaft. Golda Schultz wagt in ihrem ersten Opern-Recital den...
