Zwischen Idealismus und Ideologie
Opernhäuser zeigen Märchen und Legenden, aber sie fabrizieren sie auch. Nur selten gelingt es, dogmatisch verfestigte, eindimensionale Deutungsmuster aufzulösen. Misha Aster hat es jetzt geschafft. Nach zehnjähriger Wühlarbeit in Archiven legt er einen Band vor, der nicht nur akribisch recherchiert ist, sondern auch unterhaltsam, ja beinahe spannend – und das Gros der bisherigen Literatur zum Thema Berliner Staatsoper, vor allem die pro domo-Produkte von Intendanten und Chefdramaturgen, obsolet erscheinen lässt.
So belegt Aster materialreich, wie der heute vornehmlich als Antisemit wahrgenommene Max von Schillings, Komponist des einstigen Welterfolgs «Mona Lisa», als demokratisch gewählter Staatsopernchef scheiterte, wie «seine Kollegialität und seine eindrucksvolle – manchmal sogar geniale – Führung» im Weltanschauungskrieg der frühen Weimarer Jahre ins Leere lief. Andererseits wird dargestellt, wie Leo Kestenberg, ein sozialdemokratischer Kultusbeamter, mit erzieherisch orientierten Programmen immer wieder bürokratische Hürden vor künstlerisch und strukturell sinnvollen Entwicklungen aufbaute; selbst Otto Klemperer steht am Ende nicht mehr als jene reine Lichtgestalt da, zu der ...
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