Zu viel des Guten
Als der Jazzpianist Keith Jarrett Ende der 1980er-Jahre Bach aufzunehmen begann, zeugte sein Spiel von einer Haltung unbedingter Reverenz. Wie einem heiligen Monument schien er sich dem «Wohltemperierten Klavier» oder den «Goldberg-Variationen» zu nähern. Mit der dem Augenblick abgerungenen Freiheit, die Jarrett in seinen Soloimprovisationen zelebrierte, hatte das so wenig zu tun wie mit den egozentrischen Manierismen eines Glenn Gould.
Verhalten, exakt durchbuchstabiert, geradezu konservatorisch wirkte sein Bach-Klang, als verneige sich da jemand mit jedem ehrfürchtig angeschlagenen Ton vor einem Großmeister aus dem alten Europa.
Die Meister des alten Europa – sie schwebten schon dem Ragtime-Pianisten Scott Joplin («The Entertainer», «Maple Leaf Rag») als Referenz vor, als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwei Stücke für die Bühne schrieb. Jedenfalls glaubte das der Komponist Gunther Schuller, der den sogenannten «Third Stream» zwischen Jazz und Klassik zu bewässern suchte und Joplin zu späten Opernehren verhalf. Die Noten von dessen erster Oper – «A Guest of Honor» (1903) – sind verloren; «Treemonisha» (1911) ist zumindest in einem handschriftlich annotierten Klavierauszug ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 33
von Albrecht Thiemann
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