Zu viel des Guten
Als der Jazzpianist Keith Jarrett Ende der 1980er-Jahre Bach aufzunehmen begann, zeugte sein Spiel von einer Haltung unbedingter Reverenz. Wie einem heiligen Monument schien er sich dem «Wohltemperierten Klavier» oder den «Goldberg-Variationen» zu nähern. Mit der dem Augenblick abgerungenen Freiheit, die Jarrett in seinen Soloimprovisationen zelebrierte, hatte das so wenig zu tun wie mit den egozentrischen Manierismen eines Glenn Gould.
Verhalten, exakt durchbuchstabiert, geradezu konservatorisch wirkte sein Bach-Klang, als verneige sich da jemand mit jedem ehrfürchtig angeschlagenen Ton vor einem Großmeister aus dem alten Europa.
Die Meister des alten Europa – sie schwebten schon dem Ragtime-Pianisten Scott Joplin («The Entertainer», «Maple Leaf Rag») als Referenz vor, als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwei Stücke für die Bühne schrieb. Jedenfalls glaubte das der Komponist Gunther Schuller, der den sogenannten «Third Stream» zwischen Jazz und Klassik zu bewässern suchte und Joplin zu späten Opernehren verhalf. Die Noten von dessen erster Oper – «A Guest of Honor» (1903) – sind verloren; «Treemonisha» (1911) ist zumindest in einem handschriftlich annotierten Klavierauszug ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 33
von Albrecht Thiemann
Sie gilt als eine der machtgierigsten Frauen des alten Rom: Iulia Agrippina, Tochter des Germanicus. Ein Skandal schon die Heirat mit ihrem Onkel, dem Kaiser Claudius, der die Ehe per Dekret legitimieren ließ. Um ihre Position am römischen Hof zu stärken, soll sie einige Male sogar Gift zur Hand genommen haben. Alle Mittel schienen ihr recht, um Nero, ihren Sohn...
Auch in der Ära Konrad Adenauers und Charles de Gaulles, als die deutsch-französische Aussöhnung auf der Tagesordnung ganz oben stand, wurden die künstlerischen Leistungen des Nachbarlandes, jedenfalls soweit es die Gesangskunst betraf, östlich des Rheins kaum wahrgenommen. Das hat sich inzwischen geändert. Auch dank des Institut National de l’Audiovisuel (INA),...
Hack- oder Filetsteak, das ist hier die Frage. Der «Vampyr» in der 90-minütigen Fassung des gefeierten Schauspielregisseurs Antú Romero Nunes (dem an der Bayerischen Staatsoper bereits «Guillaume Tell» anvertraut war, siehe OW 8/2014) bietet vor allem Blutsauger-Geschnetzeltes von dem sonst zwei Stunden dauernden Werk. Freilich ist dies genau das, was Nunes am...
