Wo die Sterne strahlen

Anna Drescher inszeniert in Gießen die szenische deutsche Erstaufführung von Donizettis «Caterina Cornaro» – emphatisch, leidenschaftlich und radikal

Opernwelt - Logo

Der Anfang ist erheiternd – eine Diaschau mit aktuellen Bezügen zur historischen Caterina Cornaro (1454–1510), die nach dem Tod ihres Gatten Zypern regierte, ehe Venedig 1489 endgültig die Herrschaft über die Insel an sich riss. Man muss befürchten, dass Donizettis Oper als Klangkulisse eines öden Biopics missbraucht würde. Doch die erste Szene, die mit ordinärer Ausgelassenheit gefeierte Liebesheirat Caterinas mit Gerardo, die von Mocenigo, dem Repräsentanten Venedigs, unterbunden wird, wischt alle Bedenken hinweg.

Überfallartig, mit einer überzeichneten, choreografisch ausgefeilten Chorszene zieht Regisseurin Anna Drescher die Zuschauer ins Geschehen hinein. Mocenigo – ganz in schwarz, schräge Punk-Frisur, ein Lolly lutschend – macht Caterina mit einer Morddrohung gegen Gerardo gefügig und zwingt sie, im Interesse Venedigs den zypriotischen König Lusignano zu heiraten. Um wenigstens sein Leben zu retten, belügt sie den fassungslosen Gerardo, ihn nicht mehr zu lieben.

Was Donizetti an dem im Libretto recht frei behandelten Stoff anzog, war nicht die historische Realität, sondern der grobe Theatereffekt, der die Figuren von einer Gefühlskatastrophe in die nächste stürzen lässt. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Liebestod am Meer

Unter Großbritanniens Komponistinnen war sie die Pionierin schlechthin, die größten Erfolge mit ihren reichinstrumentierten Bühnenwerken aber erzielte Ethel Smyth in Deutschland, wo sie eine Zeitlang studiert hatte. «Der Wald» auf ein Libretto von Smyth etwa wurde im April 1902 am Königlichen Opernhaus zu Berlin unter Leitung von Karl Muck uraufgeführt (und...

Spiegelfiguren

Und der alte Cherubini? Das ist doch ein einziger Kerl! Ich habe da seine Abenceragen und kann nicht aufhören, mich an diesem petillanten Feuer, an den geistreichen eigenthümlichen Wendungen, an der außerordentlichen Zierlichkeit und Feinheit, mit der Alles geschrieben ist, zu erfreuen [...]. Dabei ist alles so frei und keck und so höchst lebendig». Das schreibt...

Rosa Infantin im Raum

Vor genau 100 Jahren präsentierte die Oper Köln unter dem damaligen Musikchef Otto Klemperer die Uraufführung von Alexander Zemlinskys herrlich gemeinen Einakter «Der Zwerg» – in Kombination mit Igor Strawinskys «Petruschka»-Ballett (Paris 1911). Aus diesem Anlass konnte man heuer beide Werke in eben jener Anordnung in Köln erleben. Schön gemachte Videos weisen...