Wie man auf brüchigem Eis tanzt

In Frankfurt unterziehen Titus Engel und Tobias Kratzer Nielsens «Maskerade» einer Verjüngungskur

Englische Puritaner sollen einst auf Jahrmärkten der Bären «Tanzen» auf glühenden Eisen verboten haben: nicht aus Mitleid mit den Tieren, sondern weil sich die Leute nicht amüsieren sollten. Robert Wilson erzählte einmal analog, dass strenggläubige Südstaatler es triftig fanden, dass Abraham Lincoln in einem Theater erschossen wurde: Ort der Lustbarkeit und Sünde, des bösen Scheins. Und lange noch konnte man von sogar musikalisch Hochkompetenten ähnliche Vorbehalte gegen den Opern-«Pomp» hören.

Theater heißt nun einmal auch: Rollen-Spiele, Masken, Verkleidungen, Verwechslungen, Sein und Schein, Identitätskrisen, soziales Schlingern – zumindest als Komödie bedrohlich real. Während die Tragödien-Katastrophen mit Schuld und Strafe, höheren Mächten erschüttern mögen, aber weniger am gesellschaftlichen Gefüge rütteln. Gerade der große Molière wurde von Klerus, Adel und Armee aufs Heftigste attackiert: als Unterminierer staatlich-bürgerlicher Stabilität.

Wurde nun der dänische Dramatiker Ludvig Holberg zum «Moliére des Nordens» ernannt, so zeugte dies über die generelle Wertschätzung hinaus von quasi subversiver Komplizenschaft: aufklärerisch kritischer Gesellschafts-Durchlüftung. ...

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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Gerhard R. Koch

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