Wie man auf brüchigem Eis tanzt
Englische Puritaner sollen einst auf Jahrmärkten der Bären «Tanzen» auf glühenden Eisen verboten haben: nicht aus Mitleid mit den Tieren, sondern weil sich die Leute nicht amüsieren sollten. Robert Wilson erzählte einmal analog, dass strenggläubige Südstaatler es triftig fanden, dass Abraham Lincoln in einem Theater erschossen wurde: Ort der Lustbarkeit und Sünde, des bösen Scheins. Und lange noch konnte man von sogar musikalisch Hochkompetenten ähnliche Vorbehalte gegen den Opern-«Pomp» hören.
Theater heißt nun einmal auch: Rollen-Spiele, Masken, Verkleidungen, Verwechslungen, Sein und Schein, Identitätskrisen, soziales Schlingern – zumindest als Komödie bedrohlich real. Während die Tragödien-Katastrophen mit Schuld und Strafe, höheren Mächten erschüttern mögen, aber weniger am gesellschaftlichen Gefüge rütteln. Gerade der große Molière wurde von Klerus, Adel und Armee aufs Heftigste attackiert: als Unterminierer staatlich-bürgerlicher Stabilität.
Wurde nun der dänische Dramatiker Ludvig Holberg zum «Moliére des Nordens» ernannt, so zeugte dies über die generelle Wertschätzung hinaus von quasi subversiver Komplizenschaft: aufklärerisch kritischer Gesellschafts-Durchlüftung. ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Gerhard R. Koch
Hohe Poesie war es nicht unbedingt, was da in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift «Musica» des Jahres 1967 zu lesen war. Aber dazu fühlte sich der Kritiker Hans Böhm auch nicht berufen. Seine Aufgabe bestand darin, eine Uraufführung an der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber zu besprechen: «Weiße Rose», von ihren Autoren, dem Kompositionsstudenten Udo...
Wie das Wetter war? Vermutlich eisig. Vielleicht blinzelte an diesem 3. November 1843 in Sankt Petersburg hier und da mal die Sonne durch die grauen Ritzen, die Temperaturen dürften aber eher unter null Grad gelegen haben. Zumindest draußen. Drinnen jedoch, im Bolschoi Theater, glühte es, und das nicht nur der bullernden Heizung wegen. Nein, es war jene Dame, die...
Gioachino Rossinis «Otello» entstand 1816, zwischen den Erfolgsopern «Il barbiere di Siviglia» und «La Cenerentola». Mit der Prominenz von Verdis «Otello» (1887) kann das Stück heutzutage nicht mithalten, was einerseits in der kritischen Rezeption begründet liegt: Die differenzierte Handlung der Shakespeare-Grundlage werde bei Rossini banalisiert (der Komponist...
