Weibliche Autonomie
Nicht mehr als eine Szene benötigt Yona Kim in ihrer luziden Mannheimer «Carmen»-Inszenierung, um den Zuschauer ahnen zu lassen, was von José zu halten ist – ein Don ist er nicht, wie er den Brief seiner Mutter, den ihm Micaëla gebracht hat, achtlos zu Boden fallen lässt. Das beigelegte Geld dagegen hat er genau gezählt und gierig in die Hosentasche gestopft. Micaëlas Bericht von der Mutter, ihre Sohnesliebesgrüße hört er kaum, stattdessen nestelt er abgewandt an der weißen Blume, die ihm Carmen vorhin vor die Füße geschmissen hat.
Und singt Micaëla vom Kuss, den sie überbringt, lässt sie sich dabei willig von Don José zu Boden ziehen, doch ihr Körper, auf dem er liegt, ist nur ein schaler Ersatz für sein Begehren, das allein Carmen gilt.
In Kims dezentem Psychogramm bleibt Don José ein einfacher Soldat, vom Charakter ist er ein komplexer Ich-Mensch: sentimental, sozial beschädigt, von Begierden und Eifersucht getrieben. Er ist körperlich stark, kein Weichling, ein viriler Gegenpart zu Escamillo, so dass sein Sieg über den Torero, später beim Messerkampf in den Bergen, folgerichtig wirkt. Das Beziehungsquartett Carmen-José-Micaëla-Escamillo wird mit energischen Strichen ...
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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Götz Thieme
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