Weibliche Autonomie

Bizet: Carmen
MANNHEIM | NATIONALTHEATER

Opernwelt - Logo

Nicht mehr als eine Szene benötigt Yona Kim in ihrer luziden Mannheimer «Carmen»-Inszenierung, um den Zuschauer ahnen zu lassen, was von José zu halten ist – ein Don ist er nicht, wie er den Brief seiner Mutter, den ihm Micaëla gebracht hat, achtlos zu Boden fallen lässt. Das beigelegte Geld dagegen hat er genau gezählt und gierig in die Hosentasche gestopft. Micaëlas Bericht von der Mutter, ihre Sohnesliebesgrüße hört er kaum, stattdessen nestelt er abgewandt an der weißen Blume, die ihm Carmen vorhin vor die Füße geschmissen hat.

Und singt Micaëla vom Kuss, den sie überbringt, lässt sie sich dabei willig von Don José zu Boden ziehen, doch ihr Körper, auf dem er liegt, ist nur ein schaler Ersatz für sein Begehren, das allein Carmen gilt.

In Kims dezentem Psychogramm bleibt Don José ein einfacher Soldat, vom Charakter ist er ein komplexer Ich-Mensch: sentimental, sozial beschädigt, von Begierden und Eifersucht getrieben. Er ist körperlich stark, kein Weichling, ein viriler Gegenpart zu Escamillo, so dass sein Sieg über den Torero, später beim Messerkampf in den Bergen, folgerichtig wirkt. Das Beziehungsquartett Carmen-José-Micaëla-Escamillo wird mit energischen Strichen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Götz Thieme

Weitere Beiträge
Tant de bruit pour une omelette

Die drittletzte der insgesamt rund 70 Opern Gaetano Donizettis, von den Häusern um des Kassenstands willen oft gespielt und vom Publikum mit Blick auf einen launigen Opernabend heiß geliebt – «Don Pasquale» ist doch fürwahr ein einfältiges Stück. Ein Schwank mit simpler Musik, eine Operette, aber nicht so gut wie «Die Fledermaus». Doch Vorsicht, die Behauptung ist...

In Swanns Welt

Die jüngste Großtat des Palazzetto Bru Zane widmet sich der kleinen Form. Das Centre de musique romantique française ermöglichte dem Bariton Tassis Christoyannis, gemeinsam mit dem Pianisten Jeff Cohen alle 107 Kunstlieder des Komponisten Reynaldo Hahn einzuspielen. Die 4-CD-Box ist optisch aufgemacht wie ein Schmuckkästlein – und enthält tatsächlich jede Menge...

Vom Eise bezaubert

Mit Oper kann er eigentlich nicht viel anfangen. Weite Bögen, scharfe Kontraste, markante Figuren, dramatische Spannung – all das, was lebendiges Musiktheater braucht, um Funken zu schlagen, ist Hans Abrahamsen letztlich fremd. Einem Komponisten, dessen Denken aus der Stille kommt, der feingliedrige Gespinste austüftelt, die nicht selten auf mathematischen...