Weg mit dem Kult!
Im Sprechtheater wundert sich schon längst keiner mehr, wenn ein Regisseur den Originaltext als Steinbruch versteht und sich mit Strichen, Umstellungen und Implantaten ein neues Stück zusammenbaut. Im Musiktheater dagegen gilt die Partitur noch immer als (mehr oder weniger) sakrosankt, Verstöße gegen dieses eherne Gesetz ahndet das Publikum gern mit tumultartigen Protesten.
Erst recht, wenn es sich um ein Belcanto-Kultstück wie Vincenzo Bellinis «Norma» handelt, das ohnehin oft konzertant und mit eingeflogener Star-Sopranistin gegeben wird, damit kein szenisches Ärgernis den kulinarischen Genuss ohne Reue stören möge.
Tatsächlich ist «Norma» ein sperriger Brocken, denn erstens verlegte Bellini die abstruse Handlung in eine ferne Vergangenheit, das erste Jahrhundert vor Christus im von Römern besetzten Gallien, um unbehelligt von der Zensur Anspielungen auf die italienischen Verhältnisse zur Zeit des Risorgimento unterbringen zu können. Und zweitens ist der endlose Ziergesang szenisch schwer ans Laufen zu bringen.
In Bonn wehrt sich der junge Regisseur Florian Lutz vor allem gegen den Kult-Charakter dieser immer noch mit dem Callas-Nimbus umgebenen Oper und bricht das Geschehen ...
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Opernwelt Dezember 2012
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Regine Müller
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