Warum?

Alain Platel inszeniert im Haus der Berliner Festspiele Fabrizio Cassols «Requiem pour L.»

Eine Frau. Wir kennen sie nicht. Und lernen sie auch nicht kennen, obwohl wir ihr eindreiviertel Stunden lang zuschauen, wie sie stirbt. Ihr Name ist L. Eine Abkürzung. L. hat eingewilligt, sich filmen zu lassen auf ihrem letzten Weg. Ihr Sterben ist real, ein Video fängt es, in quälender Slow Motion, ein. Aber was bedeutet ihr Tod für ein Kunstwerk wie dieses? Der Tod der Frau ist, wie jeder Tod, eine Leere, die plötzlich mitten im Leben eines Wesens aufbricht.

Das Seiende, das wie durch eine wundersame Verfinsterung plötzlich unsichtbar wird, stürzt auf einmal durch die Falltür des Nicht-Seins. Aber da ist noch etwas, etwas Wesentliches: Dieser Tod ist ein Geheimnis. Er ist absurd, er ist privat.

Im Haus der Berliner Festspiele sehen wir dem Tod in die Augen, weil er öffentlich gemacht wird. Wir sehen L. zu, wie sie aus den Armen des Lebens hinausgleitet, wie sie peu à peu ins Jenseitsdunkel verschwindet. Aber sollte, darf uns das interessieren? Berühren? Oder, im Gegenteil, gar voyeuristisch bestricken? Und: Was sagt es über unser Verhältnis zum Tod aus, dass wir diesem Sterben zusehen? Bricht die Veröffentlichung des Todes das Tabu, das der Tod in unserer Kultur immer war, ...

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Opernwelt März 2018
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Jürgen Otten

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