Von gestern auf morgen
Etwaige Illusionen über die Bedeutung klassischer Musik werden den Besuchern der MIDEM schon gleich am Eingang genommen. Ganz durch die große Halle durch, die Treppe hoch und dann links in der Ecke – hätte die freundliche Stewardess am Counter des Festivalpalastes von Cannes nicht den Weg zur Klassik-Abteilung, sondern die Bedeutung von Bach, Beethoven und Tschaikowsky für das große Geschäft beschreiben wollen, hätte sie keine passenderen Worte finden können.
Auf der größten Musikmesse der Welt zeigt sich in materialistischer Deutlichkeit, dass die Klassik nach wie vor ein Nischenprodukt ist. Während drumherum der große Rummel um die Stars und Sternchen von Pop und Rock tobt, informieren sich in der geruhsamen Klassik&Jazz-Ecke nur eine Handvoll interessierter Spezialisten über Polens Aktivitäten zum Chopin-Jahr 2010, das Pergolesi-Festival im italienischen Jesi und die neuesten Archivfunde von Labels wie Hänssler und Orfeo.
Ein Kontrast, der umso stärker ins Auge fällt, als die Großen der Klassikbranche in Cannes fehlen: Stände von SonyBMG, Universal und EMI, die mit ihren Stars ein bisschen Glamour an die Riviera hätten bringen können, sucht man mittlerweile vergeblich – mehr und ...
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