Vom Körper her gedacht
Der ganze Körper zittert, bebt, vibriert: Brünnhilde platzt förmlich vor Energie bei ihrem ersten Auftritt. Mit lässigem Behagen prostet ihr Wotan zu, noch in sektlauniger Rückschau auf seine frisch gepaarten Wälsungenkinder befangen. Vorher hatte Sieglinde Siegmund den Wassertrunk aus ihren eigenen Händen gegeben. Der brüderliche Fremde schlürfte sie derart aus, dass man nicht die Stillung, sondern das schnelle Wachstum einer Begierde erfährt. Es sind solche vitalen Personenzeichnungen, die die Qualität von Vera Nemirovas «Ring»-Regie an der Oper Frankfurt ausmachen.
Aufregend neue interpretatorische Setzungen sind weniger zu erwarten. Der erzählerische Fluss wird sinnvoll ins Lebhafte gelenkt. Blinder Aktionismus bleibt vermieden, mehr noch zähe Statuarik. Klug ausdifferenziert zwischen Ruhe und losbrechender Erregtheit etwa das lange Zwiegespräch zwischen Wotan und Brünnhilde im zweiten Akt. Viel dramatischer als gewöhnlich das Schwanken der Walküren zwischen dem Mitleid mit Schwester Brünnhilde und der Angst vor dem zornigen Göttervater. Mit der körperlichen Einbeziehung Sieglindes in einen schmerzlichen Konflikt erhält auch die Todesverkündigung des zweiten Akts – jetzt eine ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Hans-Klaus Jungheinrich
Nach «Guillaume Tell» (1829) hat Rossini bekanntlich keine Opern mehr geschrieben und sich ins Privatleben zurückgezogen. Er fühlte sich künstlerisch ausgebrannt und wurde von verschiedenen Krankheiten geplagt. In den fast vier Jahrzehnten, die ihm noch zu leben blieben, betrieb er das Komponieren nur noch als Liebhaberei, schrieb neben geistlicher Musik zahlreiche...
Unser Stimmklang wird durch die perfekte Koordination von Atmungs-, Kehlkopf- und Artikulationsbewegungen erzeugt, Bewegungen, die zu den komplexesten gehören, zu denen der Mensch fähig ist. Und doch hat die Tonproduktion ein physiologisches Zentrum, das oft mit der gesamten Stimme gleichgesetzt wird: die Stimmbänder, die physiologisch zutreffender eigentlich...
Pierre-Alexandre Monsigny (1729-1817) und André-Modeste Grétry (1741-1813) waren maßgeblich an der Verbürgerlichung der französischen opéra comique beteiligt. In seinem wohl populärsten Werk, dem 1769 uraufgeführten «Déserteur», hat Monsigny die Form um Elemente des Rührstücks bereichert, der Dramaturgie wie der Musik gänzlich neue Wege erschlossen und damit das...
