Verlorene Seelen im Setzkasten
Ein Mann begegnet eines Tages jemandem, der genauso aussieht, wie er selbst – seinem Doppelgänger. Von Stund’ an wird der Titularrat Goljadkin im zaristischen Russland zum Objekt einer Bewusstseinsspaltung, die ihn schließlich in den Wahnsinn treibt. Soweit die Geschichte in Fjodor Dostojewskis Roman «Dvojnik» («Der Doppelgänger») von 1846. Eine Dystopie, schon deshalb waren die Reaktionen bei Dostojewskis Zeitgenossen kühl. Dabei ist es letztlich gar nicht so entscheidend, ob es um voranschreitende Schizophrenie geht.
Oder um die Fallstudie eines von der Gesellschaft in die Isolation getriebenen Menschen. Um Entfremdung.
Letztere dürfte die Entstehungsgeschichte der gleichnamigen, von den Schwetzinger SWR-Festspielen und dem Theater Luzern koproduzierten Oper in der Corona-Zeit tangiert haben. Die Komponistin Lucia Ronchetti und die Schriftstellerin Katja Petrowskaja (die mit dem «Doppelgänger»-Text ihr erstes Opernlibretto präsentiert) berichten, wie die Isolation in der Zeit der Lockdowns ihre Zusammenarbeit aus der räumlichen Distanz geprägt hat. Und tatsächlich ist die Sprache der ehemaligen Bachmann-Preisträgerin eine für sie eher untypische. Ganz im Unterschied auch zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Alexander Dick
Alle Schwalben fliegen, wenn sie, wie der Volksmund sagt, weiterhin schönes Wetter versprechen, hoch. Diese nicht. «La rondine», so ihr originaler Name, schwirrt irgendwo in den tiefhängenden Wolken umher, ohne je den Weg zur Sonne gefunden zu haben. Die Musikgeschichte hat Giacomo Puccinis Commedia lirica auf eine Stufe mit seinen frühen (Fehl-)Versuchen gestellt,...
Blicken wir, nur für eine flüchtige Weltsekunde, zurück und denken dabei an jenen hastig hingehackten Satz, den der frisch geadelte Herr von Faninal im zweiten Akt von Strauss’ «Rosenkavalier» singend ausspricht: «Ein ernster Tag, ein großer Tag, ein Ehrentag, ein heil’ger Tag.» Ein solch denkwürdiges Datum ist auch der 27. April 1784. Tout Paris ist auf den...
Ein bisschen enttäuscht ist man jetzt leider schon, was aber daran liegt, dass man auch im «Siegfried» ein Meisterwerk erwartet hat: Zwei Teile von Wagners «Ring» hat Ewelina Marciniak in den beiden vergangenen Spielzeiten an den Bühnen Bern bereits herausgebracht. Gerade die «Walküre», stärker noch als das «Rheingold», war so fein gearbeitet, das man süchtig...
