Verlorene Seelen im Setzkasten
Ein Mann begegnet eines Tages jemandem, der genauso aussieht, wie er selbst – seinem Doppelgänger. Von Stund’ an wird der Titularrat Goljadkin im zaristischen Russland zum Objekt einer Bewusstseinsspaltung, die ihn schließlich in den Wahnsinn treibt. Soweit die Geschichte in Fjodor Dostojewskis Roman «Dvojnik» («Der Doppelgänger») von 1846. Eine Dystopie, schon deshalb waren die Reaktionen bei Dostojewskis Zeitgenossen kühl. Dabei ist es letztlich gar nicht so entscheidend, ob es um voranschreitende Schizophrenie geht.
Oder um die Fallstudie eines von der Gesellschaft in die Isolation getriebenen Menschen. Um Entfremdung.
Letztere dürfte die Entstehungsgeschichte der gleichnamigen, von den Schwetzinger SWR-Festspielen und dem Theater Luzern koproduzierten Oper in der Corona-Zeit tangiert haben. Die Komponistin Lucia Ronchetti und die Schriftstellerin Katja Petrowskaja (die mit dem «Doppelgänger»-Text ihr erstes Opernlibretto präsentiert) berichten, wie die Isolation in der Zeit der Lockdowns ihre Zusammenarbeit aus der räumlichen Distanz geprägt hat. Und tatsächlich ist die Sprache der ehemaligen Bachmann-Preisträgerin eine für sie eher untypische. Ganz im Unterschied auch zu ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Alexander Dick
Seit seiner grandiosen Gesamteinspielung des Lied-Œuvres von Gabriel Fauré gehört der Tenor Cyrille Dubois zu den Top-Interpreten der französischen Liedkunst; zuletzt überraschte der Tenor mit einer gleichermaßen verstörenden wie bezwingenden Aufnahme von Schuberts «Winterreise». Auf seiner jüngsten CD kehrt Dubois zum vertrauteren Repertoire des französischen...
Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht? Einmal abgesehen davon, dass Heinrich Heine, als er diese berühmten Verse zu Papier brachte, in erster Linie an seine ferne Mutter dachte und erst in zweiter an die verlorene Heimat, steht es um dieses Land, zumindest was die Künste angeht, nicht gar so schlecht (und vor allem nicht so schlecht,...
Im Anfang war das Wort. Nicht jedoch das geschriebene. Im Anfang war der Klang, das gesprochene, gesungene Wort, die menschliche Stimme, aus der heraus ein ganzer Kosmos an Mitteilungsformen erwachsen kann – im günstigsten Fall. Die Stimme als Faszinosum, als Mittel, um höchste kulturelle Leistungen zu erbringen (man denke nur an die Opern dieser Welt), aber auch...
