Verblüffend plausibel
Zwei, drei Cocktails zu viel, dazu womöglich ein paar eingeworfene Pillen – die Grenze zur Willenlosigkeit ist längst überschritten. Und dann die Vergewaltigung im Nebenzimmer: geile Böcke, die das auch noch filmen, ins Netz stellen; die Kommentarspalte läuft voll mit Widerlichem. Das Internet vergisst nichts, auch Violetta ist auf ewig traumatisiert. Eine Möglichkeit von Liebe, auch Körperlichkeit glimmt erst Jahre später auf in der Begegnung mit Alfredo. Auf dem Höhepunkt des ersten Duetts riskiert sie einen Kuss.
Doch das Vergewaltigungs-Video wird auch von der Familie Germont registriert. Alles vergebens also – Violetta schneidet sich den Hals auf. Im letzten Bild tritt sie singend aus ihrem Körper, der überforderte Alfredo und die Freunde barmen am Klinikbett, in dem eine komatöse Frau liegt.
Auch so kann man Verdis «La traviata» aufrollen. In der Nacherzählung wirkt das wie eine stereotype Modernisierung. Doch tatsächlich stößt Regisseurin Ilaria Lanzino am Staatstheater Nürnberg zum Kern der Tragödie vor, die zur Uraufführungszeit das Publikum verstörte. Brandmarkung, gesellschaftliche Ächtung, schonungsloser Realismus, dafür findet sie eine szenische Übersetzung ins Heute, ...
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Opernwelt November 2025
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Markus Thiel
In Hamburg, so darf man wohl sagen, hat der ambitionierteste Wiederbelebungsversuch der jüngeren Operngeschichte begonnen. Zu retten ist ein Haus, das zuletzt in Lethargie versank, das selbst bei einer Strauss-Oper wie «Ariadne auf Naxos» schwach besuchte Vorstellungen zu beklagen hatte (da mochten noch so bekannte Namen wie Kent Nagano, Dmitri Tcherniakov und Anja...
Das Frontispiz der ein halbes Jahr nach ihrer Uraufführung 1906 erschienenen Partitur des korsischen Vendetta-Dramas «L’Ancêtre» zeigt die Titelfigur von Saint-Saëns’ vorletzter Oper mit Stiefeln, Lendenschurz, überdimensionaler Flinte und kühn zurückgeschobenem Kopftuch in karger Macchia-Landschaft. Sie ist die Ahnin eines durch die Logik der Blutrache schon fast...
Goethes begrenztes Musikverständnis zu bemängeln, gehörte lange Zeit zum guten Ton seiner Kritiker. Beethovens Fünfte war ihm zu titanisch, Schuberts «Erlkönig» fand er «detestabel», das Urteil über die «Huit scè-nes de Faust» von Berlioz überließ er Zelter, der darin nur «Husten, Schnauben, Krächzen und Ausspeien» hörte. Andererseits spielte Goethe passabel...
