Ungeleitet nach Hause

Graz: Gounod: Faust

Opernwelt - Logo

Den Coup de Théâtre hebt sich Regisseurin Mariame Clément für den Schluss auf: Marguerite meuchelt Mephisto, lässt auch Faust entseelt zurück, kommt vor zur Rampe und legt mit frivolem Lächeln Lippenrot auf. Dem zur Ironie neigenden Zuschauer kommt dabei unwillkürlich der Operettenschlager Walter und Willy Kollos in den Sinn: «Die Männer sind alle Verbrecher, ihr Herz ist ein finsteres Loch...» Doch ironisch hat Clément dieses Finale ihrer Grazer Inszenierung von Gounods «Faust» wohl nicht gemeint.

Vielmehr wirkt es als kämpferisch feministisches Statement, Gretchens Befreiungsschlag gegen eine machohafte Männerwelt. Das passte gut zum Weltfrauentag, den man eine Woche vor der Grazer Premiere feierte und der sich die von Goethe vorgebrachte Feststellung, Mädchen wie Gretchen können «ungeleitet nach Hause gehen», aufs Panier geschrieben hat.

Den Abend über begleitet uns das Porträt einer schmachtend blickenden Kindfrau in mancherlei Variation, an Lulus Bild gemahnend: die Frau als Objekt männlicher Fantasie; Gretchen als zartes Nymphchen quasi in derben Männerhänden. Marguerites Bühnenverkörperung Gal James ist indes keine Ninfa, sondern eine vollsaftige junge Frau von eher ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Wir sind Gefangene

Immo Karaman hatte in der letzten Spielzeit mit Brittens «Peter Grimes» sein Regiedebüt an der Düsseldorfer Rheinoper gegeben (siehe OW 11/2009). Jetzt setzte er sich dort mit Brittens aufwändigster Oper, dem 1951 uraufgeführten «Billy Budd», auseinander. Wie schon bei «Peter Grimes» verweigert Karaman jede vordergründige Aktualisierung, gar plakative Bebilderung...

Porträts eines Flüchtigen

«Er war einfach nicht alltagstauglich», sagt ein Orchestermusiker: «Das wäre, als wenn man jeden Tag Pralinen fressen müsste.» Man kann Carlos Kleiber sensibler würdigen. Oder heroischer. «Er war der vollendete Vermittler zwischen Gott und den Menschen, was die Musik betrifft», posaunt Wiens ehemaliger Staatsoperndirektor Ioan Holender. Georg Wübbolt hat all diese...

Gesangstragödin

Es ist eine Aura um sie. Wann immer man ihr begegnet – etwa beim alljährlichen Sängertreffen der Gottlob-Frick-Gesellschaft in Ölbronn, das sie regelmäßig besucht –, ist man gefesselt von dem Charme, von der Vitalität, die sie ausstrahlt. Kaum zu glauben: Inge Borkh, eine der legendären Gesangstragödinnen des vorigen Jahrhunderts, wird am 26. Mai 90 Jahre alt.

Früh...