Ultimativ machtlos
16 Metallbetten rahmen die Spielfläche, und 16 Küchentische. An langen Seilen pendeln 16 tuchverhangene Wiegen träge aus dem Schnürboden. 16 Uniformen warten auf ihre Träger, die sich wenig später aus den Federn schälen. Und 16 Frauen schälen Kartoffeln. In ihrer Mitte thront die alte Burya in strengschwarzem Pomp, mit einer Reitgerte fuchtelnd. Die Szene erinnert an eine Strafkolonie: Einen Horizont gibt es nicht, keinen Ausblick, keinen Ausweg.
Regisseur Claus Guth liest am Londoner Royal Opera House das eindringliche Ticken des Xylophons im ersten Akt von Janáčeks «Jenůfa» als Klang einer gut geölten Gesellschaftsmaschine, in der kein Rädchen aus der Reihe tanzen darf. Mit Bühnenbildner Michael Levine und Ausstatterin Gesine Völlm betont er die restriktiven Normen der Dorfgemeinschaft.
Ausgangspunkt der Inszenierung ist die Perspektive der Küsterin. Wenn diese an ihre eigene Ehe zurückdenkt, tritt ihr Gatte auf, als blutjunge Erscheinung aus der Vergangenheit, die Bierflasche in der einen Hand, die andere zum Schlag erhoben. Das, denkt sich die Kostelnička, stünde mit Števa auch Jenůfa bevor – und Guth lässt das junge Paar die Fantasie auf der Bühne ausagieren. In den Augen der ...
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Opernwelt November 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Wiebke Roloff Halsey
Als Giuditta Pasta 1850 in London ihre letzten Konzerte sang, war ihre Stimme, wie Henry Fothergill Chorley in seinen Erinnerungen berichtet, «in a state of utter ruin». Voller Trauer sagte Pauline Viardot: «Es ist wie das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci – ein Wrack von einem Bild, aber dieses Bild ist das größte Gemälde der Welt.» In Erinnerung an eine...
Richard Wagner selbst sah sie bekanntlich als Studien zur ultimativen Obsession seiner «Handlung» in drei Aufzügen. Und auch für Anja Harteros dürften die «Wesendonck-Lieder» ein Etappenziel gewesen sein – zur ersten Isolde, die sie im Sommer am Münchner Uraufführungsort riskierte (OW 8/2021). Weniger um Konditionelles ging es naturgemäß bei der CD-Einspielung der...
Wanderer, kommst du nach Macerata, begegnet dir das Wissen – und noch einiges mehr. Die mittelalterliche 40.000-Einwohner-Stadt, rund 50 Kilometer südlich von Ancona gelegen, ist nicht nur Sitz der 1290 gegründeten Universität; dort wurde zwischen 1823 und 1829 zudem ein für Europa einzigartiges, geschlossenes Stadion gebaut, das «Sferisterio». Entworfen hatte es...
