Überwältigend
Kapitalismuskritik, Songstil der Roaring Twenties und ein Theaterskript zwischen Kabarett und Lehrstück wie «Die sieben Todsünden», der letzten gemeinsamen Arbeit des Erfolgsduos Brecht/Weill aus dem Jahr der faschistischen Machtübernahme 1933 – kann man damit heute noch Aufsehen erregen? Nein, sagt die Regisseurin Anna-Sophie Mahler, die das halbstündige Ballett mit Gesang jetzt in einer Koproduktion von Oper, Ballett und Schauspiel im Stuttgarter Schauspielhaus inszeniert hat.
Und bringt darum mit der kanadischen Electroclash-Sängerin Peaches eine queere Performerin auf die Bühne, die dem Abend eine ganz eigene radikalfeministische Note gibt und uns Brecht neu sehen, Weill neu hören lässt.
Brecht schickt seine Protagonistin Anna auf die Reise. Sie soll für ihre Familie anschaffen, damit diese sich ein Häuschen finanzieren kann. Bei Mahler wird Annas Lebensweg zum Kampf mit sich selbst – zum Boxkampf in einem die Szene beherrschenden Ring (der Box-Fan Brecht wäre begeistert gewesen), aufgeteilt auf zwei Personen, die Schauspielerin Josephine Köhler und den Tänzer Louis Stiens. Beide fighten, tanzen und singen in sieben grotesk komisch choreografierten Runden, die keinen Moment ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Uwe Schweikert
Wenn eine große Liebe zu Ende geht, ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Als Michele Mariotti 2007 zum ersten Mal auf das Podium im Teatro Comunale zu Bologna kletterte, um eine Probe zu Rossinis «L’italiana in Algeri» zu leiten, habe er «nicht bei Null», sondern bei «zehn unter Null» angefangen, witzelt er im Rückblick. Trotz eines Diploms in Komposition und...
Ganz schön verbiestert, halsstarrig schauen sie aus den gebügelten Oberhemden, Strickwesten und Hauskitteln: die knorrigen Ländler, die sich da in einem schwer renovierungsbedürftigen, mit klobigen Holzschränken und Biertischen möblierten, von einer stockfleckigen Decke überwölbten Saal versammeln. Als ob sie aus der Monotonie ihrer kargen Existenz in den...
Es war ein mutiger, gewiss auch überambitionierter, weil szenisch nicht bewältigter Abend, an dem sich Demis Volpi in Saarbrücken mit dem finstersten aller griechischen Mythen auseinandersetzte – mit Medea, die zugleich Liebende und Rächende, Opfer und Täterin ist. Multiperspektivisch, aber unverbunden nebeneinandergestellt, konfrontiert er den...
