Über den Wolken
Arme Nymphe. Allein ist sie, verraten und vielleicht sogar «verkauft». Derjenige, dem sie ihre reine Liebe schenkte, hat sie schmählich im Stich gelassen. Und trotzdem hofft die Gute, der Liebste möge zurückkehren. Also singt sie das anmutigste Lied, das ihr auf der Zunge, in der Kehle liegt, singt es mit dem allergrößten Sehnen, voller Inbrunst, dabei aber leise, verzweifelt, fast mehr nach innen gerichtet als nach außen, mit ihrer zart-einflüsternden Stimme.
Monteverdis Lamento della Ninfa «Amor, amor» zählt zu den schmerzlich-schönsten Klageliedern aus der Feder des Komponisten, und wenn Regula Mühlemann es nun auf ihrem Album darbietet, dann weiß man wieder, warum das so ist. In beinahe jedem Ton hört man, dass die Sopranistin vom Barock kommt, dass sie ihre Stimme dort geschult hat, und vor allem: ihre Art zu deklamieren, den Text auszudeuten, die musikalischen Verläufe dynamisch auszutarieren. Nichts in diesem Gesang ist outriert, ausgestellt, sondern stets den Affekten der Musik abgelauscht, ihrem semantischen Unterbau. Die Insistenz, sie liegt in der Musik selbst, nicht in ihrer Darstellung.
Erneut hat Regula Mühlemann (wie schon bei den vorbildlich konzipierten ...
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Opernwelt Januar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 23
von Jürgen Otten
Als die Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg darangingen, eine demokratische Verfassung zu erstellen, galt ihr Augenmerk vor allem drei Entitäten: einmal der Würde des Menschen (und den damit verbundenen Menschenrechten), der Gleichberechtigung und schließlich der Freiheit in all ihren Facetten. Auch für den Bereich der Kunst...
Einige der Bilder dieses Abends am Théâtre La Monnaie behaupten sich in einer Art von surrealem Selbstbewusstsein. Etwa die lebensgroße Kuh samt dazugehörigen Bilderbuchmägden – auf das sich Baron Ochs mit frischgemolkener Milch bekleckern kann. Oder die weißen, langsam aufsteigenden Luftballons, mit denen die Überreichung der Silberrose illustriert wird. Die...
Wer wissen will, wie tief ein Mensch sinken kann, wenn er von Vorurteilen, abgründigem Hass und tiefsitzenden antisemitischen Ressentiments bestimmt wird, sollte jenes Pamphlet lesen, das Houston Stewart Chamberlain 1906 anlässlich seinerzeit aktueller Debatten um die Errichtung eines Heine-Denkmals verfasste. Darin heißt es, der Dichter der Romantik sei «ein...
