Traumtänzer des Untergangs
Detlev Glanerts neue Oper «Caligula» will nicht nur ins Innerste treffen – sie kommt auch daher. Zumindest war das der aufregende Plan des Komponisten: dass alle Klänge in Kopf und Körper eines verzweifelten, halb wahnsinnigen Menschen entstehen. Dass sie ihn innerlich balsamieren wie ein letztes Erinnern an Schönheit oder ihm unerträgliche Schmerzen bereiten – bis hin zum alles durchdringenden Schrei, der am Anfang und Ende das Frankfurter Opernhaus durchgellt.
Eine grandiose und auch ein bisschen tollkühne Idee ist das, die der sechsundvierzigjährige Henze-Schüler an einer wahnwitzigen Figur der Weltgeschichte aufhängt.
Dem Klischee vom orgiastisch aufgelegten «alten Rom» gilt Kaiser Caligula (12-41 n. Chr.) immer noch als perverser Zeremonienmeister. Albert Camus freilich kratzte in seinem 1940 beendeten Drama «Caligula» an der skandalösen Oberfläche: Aus dem historischen Monster präparierte er Züge moderner Machthaber von Hitler bis Mao, aber auch des Sinn suchenden Menschen überhaupt. Der Librettist Hans-Ulrich Treichel umreißt die Ausgangssituation in einen (bei Camus nicht vorhandenen) Monolog des Caligula. Nach dem Tod seiner inzestuös geliebten Schwester, dem Auslöser ...
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Noch bis in den Oktober hinein schmückten Brecht-Aphorismen das Foyer des Berliner Admiralspalastes – im königsblauen Layout der Deutschen Bank, die dort Brandauer-Campinos «Dreigroschenoper» sponsorte. Man mag da an Karl Kraus’ Ausspruch denken, dass ein Dichter vor nichts größere Angst haben müsse als davor, dass seine Stücke zu Klassikern erhoben würden. Doch...
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