Töte deine Träume
Nur zwei Zitate im Programmheft braucht es, um Susanne Øglænds «Eugen Onegin»-Inszenierung in Weimar zu verstehen: Das erste ist das Wort Oscar Wildes, nach dem «das Leben die Kunst weit mehr nachahmt als die Kunst das Leben». Ergänzend dazu Woody Allens «Das Leben imitiert nicht die Kunst, sondern schlechtes Fernsehen». Womit nicht gesagt sein soll, dass sich die junge norwegische Regisseurin vorrangig von zweifelhaftem TV-Genuss inspirieren ließ. Aber sie stellt das Zitathafte im Leben von Onegin, Tatjana und Lenski in den Mittelpunkt.
Dabei greift sie auf Eigentümlichkeiten des Puschkin-Textes zurück: Die Protagonisten seines Stückes haben ihre Gefühle nur ausgeliehen. Wenn etwas Entscheidendes in ihren Leben geschieht, nennen sie fast reflexhaft ein literarisches Vorbild; eigene Gefühle entstehen aus dem mehr oder weniger glücklichen Nachahmen von Vorgefundenem. Um die häufigen Ausflüge in solche Traumsphären von der Realität eines derben Veranstaltungssaales abzugrenzen, führt die Drehbühne die Figuren immer wieder zu einer Tapetenwand, vor der es sich herrlich duellieren oder in Waldprojektionen umherirren lässt.
Das schließt die Nahtstellen der Oper zusammen. Und es macht den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ein «Traktat über die heilende Kraft homosexueller Liebe» nannte der Librettist E. M. Foster Benjamin Brittens Oper «Billy Budd». Doch spielte dies in der Rezeptionsgeschichte des Werks kaum eine Rolle. Zum Thema Männerliebe verhielten sich die Engländer, zumal die Vertreter der Mittel- und Oberschicht, lange ambivalent. Gern zitierte man in diesem Zusammenhang...
PROGRAMMTIPP: «Lulu»
Frank Wedekinds Lulu-Tragödien machten nicht nur auf der Schauspielbühne Furore. Alban Berg stellte die «Nachtwandlerin der Liebe» (Karl Kraus), die sich jenseits aller moralischen Konvention bewegt, ins Zentrum seiner letzten (unvollendet gebliebenen) Oper. Nun bringen die Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule eine Neuproduktion der...
Bücher über Dirigenten sind eine bei Autoren wie Lesern beliebte Spezies. Eine heikle allerdings auch. Denn die Vita eines Dirigenten, so schillernd sie (gewesen) sein mag, sagt meist wenig über sein künstlerisches Profil. So häufen sich Dirigenten-Bücher, in denen von Musik nur zwischendurch und von konkreten Interpretationsfragen gar nicht die Rede ist. Eva...
