Töte deine Träume

Tschaikowsky: Eugen Onegin (Weimar)

Nur zwei Zitate im Programmheft braucht es, um Susanne Øglænds «Eugen Onegin»-Inszenierung in Weimar zu verstehen: Das erste ist das Wort Oscar Wildes, nach dem «das Leben die Kunst weit mehr nachahmt als die Kunst das Leben». Ergänzend dazu Woody Allens «Das Leben imitiert nicht die Kunst, sondern schlechtes Fernsehen». Womit nicht gesagt sein soll, dass sich die junge norwegische Regisseurin vorrangig von zweifelhaftem TV-Genuss inspirieren ließ. Aber sie stellt das Zitathafte im Leben von Onegin, Tatjana und Lenski in den Mittelpunkt.

Dabei greift sie auf Eigentümlichkeiten des Puschkin-Textes zurück: Die Protagonisten seines Stückes haben ihre Gefühle nur ausgeliehen. Wenn etwas Entscheidendes in ihren Leben geschieht, nennen sie fast reflexhaft ein literarisches Vorbild; eigene Gefühle entstehen aus dem mehr oder weniger glücklichen Nachahmen von Vorgefundenem. Um die häufigen Ausflüge in solche Traumsphären von der Realität eines derben Veranstaltungssaales abzugrenzen, führt die Drehbühne die Figuren immer wieder zu einer Tapetenwand, vor der es sich herrlich duellieren oder in Waldprojektionen umherirren lässt.

Das schließt die Nahtstellen der Oper zusammen. Und es macht den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2010
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Claus Ambrosius

Vergriffen
Weitere Beiträge
TV-Tipps Klassik

PROGRAMMTIPP: «Lulu»

Frank Wedekinds Lulu-Tragödien machten nicht nur auf der Schauspielbühne Furore. Alban Berg stellte die «Nachtwandlerin der Liebe» (Karl Kraus), die sich jenseits aller moralischen Konvention bewegt, ins Zentrum seiner letzten (unvollendet gebliebenen) Oper. Nun bringen die Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule eine Neuproduktion der...

Unauffällig

Die alte Burg von Savonlinna hat schon viele Opern gesehen in der bald 100-jährigen Geschichte der Stadt als Festspielort. Doch keine scheint so gut dorthin zu passen wie «Tosca». Beim Anblick des massiven mittelalterlichen Mauerwerks rückt die Engelsburg vor das geistige Auge, und Regisseur Keith Warner lässt auch gleich zu Beginn der diesjährigen Neuproduktion...

Im Dunkel der Seelen

Auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung gehört Claude Debussys einzige Oper noch immer zu den großen Herausforderungen des Musiktheaters. Wie in Wagners «Tristan» (der in Maeterlincks Drama – Debussys Textvorlage – ständig als Bezugspunkt im Hintergrund spukt) ist auch in dieser Dreiecksgeschichte aus Liebe, Eifersucht und Tod alle Handlung nach innen...