Rattenfänger: Tijl Faveyts (Kezal) mit dem Opernchor des Aalto-Musiktheaters; Foto: Theater/Matthias Jung
Tänzeln am Abgrund
Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper – diese alte Behauptung, die später von den Nazis rassistisch missbraucht wurde, beflügelte im späten 19. Jahrhundert auch die tschechischen Turnvereine unter dem Label «Sokol» (Falke). Turnen und körperlicher Drill sollten die von Österreich unterdrückte Nation geistig, moralisch stärken; bald konzentrierten sich zudem kulturelle und soziale Aktivitäten auf die Turnhallen, die in fast jedem Ort aus dem Boden wuchsen.
Die Turnhalle als Lebens-, aber auch als Projektionsraum junger Menschen in Böhmen: Diese Idee ist für ein Setting von Smetanas bekanntester Oper «Die verkaufte Braut» also historisch durchaus plausibel. Der Bühnenbildner Martin Chocholoušek hat im Essener Aalto-Musiktheater die hohe Halle liebevoll mit Klettergerüsten, Basketballkorb, Punchingsack, Ringen und Spiegeln nachgestellt. Aber schon zur Ouvertüre, die Tomáš Netopil im Graben mit vorwärtstreibender Energie und nadelstichartig präzisen Streicherfugen musizieren lässt, kippt der realistische Raum ins Traumhafte. Komische Figuren wie aus dem tschechischen Kinderfilm spulen ihre Kunststücke und Gags ab – es ist das Zirkuspersonal aus dem dritten Akt, und es steht für ...
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Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Michael Struck-Schloen
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Musikwissenschaftler und andere Puristen dürften nach Betablockern verlangen, den geneigten Abonnenten freut’s. «Les Troyens» auf dreieinhalb Stunden inklusive Pause heruntergekürzt, das ist nicht so arg wie bei Philipp Stölzls «Rienzi»-Quickie in Berlin, aber ein im Doppelsinn einschneidender Fall in Sachen Grand Opéra. Nicht nur, dass am Staatstheater Nürnberg...
