Szenen einer Ehe
Floris Visser stellt Händels Oratorium «Hercules» gleichsam auf den Kopf und erzählt die Geschichte von ihrem Ende her. Wenn sich zur Ouvertüre der Vorhang hebt, sehen wir, wie Dejanira, die unglückliche Mörderin des antiken Heroen, im stummen Spiel den zu den Gestirnen erhobenen Toten auf dem an die Wand ihres Zimmers kartierten Himmelsfirmament sucht. Plötzlich öffnet sich, wie in einer Vision, die verbarrikadierte Zimmertür der zum Psychofall gewordenen, eifersüchtigen Gattin, und ein halbnackter, mit Adlerschwingen beflügelter Mann befreit sie.
Es ist der tote Hercules selbst, der sie zu einer Gerichtsverhandlung über ihre Vergangenheit abholt.
Mit dieser genialen Setzung kappt Visser alle Vorbehalte gegen das (auf Sophokles’ Drama «Die Trachinierinnen» zurückgehende) Oratorium und macht, aus der Rückschau der Inhaftierten, dessen scheinbare Unlogik und Sprunghaftigkeit zum Movens einer in präzisen Filmschnitten die Handlung teils vor-, teils zurückblendenden Dramaturgie, die mit Zeitlupen, Zooms und Lichtwechseln arbeitet. «Words are too faint to speak the warring passions / That combat in my breast», sind Dejaniras letzte Worte. Wo die Sprache versagt, leuchtet Händels Musik ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Uwe Schweikert
Tora Augestad ist nicht zu fassen. Ein bisschen erinnert eine Begegnung mit ihrer Kunst an die Erkundung von Herzog Blaubarts Schloss: Mehrere «Türen» gibt es da, die man ganz behutsam öffnet, im Glauben, endlich auf den Schatz (oder zumindest auf irgendeine Erkenntnis) zu treffen, um dann doch jedes Mal ziemlich überrascht davon zu sein, was man in den Räumen...
Am 23. Februar war die Welt des Valery Gergiev noch in bester Ordnung. An der Mailänder Scala dirigierte Gergiev die Premiere von Tschaikowskys «Pique Dame», die wenigen, zaghaften Buhrufe vor dem ersten Takt wird er vermutlich nicht einmal vernommen haben. Im Weghören war der russische Dirigent immer schon ein Großer; was ihn nicht interessierte, existierte nicht....
Der Zeitzeuge zeigte sich beeindruckt: «Der erste Akt beginnt mit dem Erscheinen Auroras. Das ist das womöglich blühendste, wollüstigste Stück Musik, das ich bisher in der Oper gehört habe» – das schreibt Jacques Cazotte im Uraufführungsjahr 1753 von Mondonvilles pastorale héroïque «Titon et l’Aurore».
Große Instrumental- oder Chorbilder waren, neben einer...
