Szenen einer Ehe
Floris Visser stellt Händels Oratorium «Hercules» gleichsam auf den Kopf und erzählt die Geschichte von ihrem Ende her. Wenn sich zur Ouvertüre der Vorhang hebt, sehen wir, wie Dejanira, die unglückliche Mörderin des antiken Heroen, im stummen Spiel den zu den Gestirnen erhobenen Toten auf dem an die Wand ihres Zimmers kartierten Himmelsfirmament sucht. Plötzlich öffnet sich, wie in einer Vision, die verbarrikadierte Zimmertür der zum Psychofall gewordenen, eifersüchtigen Gattin, und ein halbnackter, mit Adlerschwingen beflügelter Mann befreit sie.
Es ist der tote Hercules selbst, der sie zu einer Gerichtsverhandlung über ihre Vergangenheit abholt.
Mit dieser genialen Setzung kappt Visser alle Vorbehalte gegen das (auf Sophokles’ Drama «Die Trachinierinnen» zurückgehende) Oratorium und macht, aus der Rückschau der Inhaftierten, dessen scheinbare Unlogik und Sprunghaftigkeit zum Movens einer in präzisen Filmschnitten die Handlung teils vor-, teils zurückblendenden Dramaturgie, die mit Zeitlupen, Zooms und Lichtwechseln arbeitet. «Words are too faint to speak the warring passions / That combat in my breast», sind Dejaniras letzte Worte. Wo die Sprache versagt, leuchtet Händels Musik ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Uwe Schweikert
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