Szenen einer Ehe

Floris Visser zeigt Händels Oratorium «Hercules» in Karlsruhe als bildmächtiges Psychodrama

Opernwelt - Logo

Floris Visser stellt Händels Oratorium «Hercules» gleichsam auf den Kopf und erzählt die Geschichte von ihrem Ende her. Wenn sich zur Ouvertüre der Vorhang hebt, sehen wir, wie Dejanira, die unglückliche Mörderin des antiken Heroen, im stummen Spiel den zu den Gestirnen erhobenen Toten auf dem an die Wand ihres Zimmers kartierten Himmelsfirmament sucht. Plötzlich öffnet sich, wie in einer Vision, die verbarrikadierte Zimmertür der zum Psychofall gewordenen, eifersüchtigen Gattin, und ein halbnackter, mit Adlerschwingen beflügelter Mann befreit sie.

Es ist der tote Hercules selbst, der sie zu einer Gerichtsverhandlung über ihre Vergangenheit abholt.

Mit dieser genialen Setzung kappt Visser alle Vorbehalte gegen das (auf Sophokles’ Drama «Die Trachinierinnen» zurückgehende) Oratorium und macht, aus der Rückschau der Inhaftierten, dessen scheinbare Unlogik und Sprunghaftigkeit zum Movens einer in präzisen Filmschnitten die Handlung teils vor-, teils zurückblendenden Dramaturgie, die mit Zeitlupen, Zooms und Lichtwechseln arbeitet. «Words are too faint to speak the warring passions / That combat in my breast», sind Dejaniras letzte Worte. Wo die Sprache versagt, leuchtet Händels Musik ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Nächtlicher Engelsgesang

Tora Augestad ist nicht zu fassen. Ein bisschen erinnert eine Begegnung mit ihrer Kunst an die Erkundung von Herzog Blaubarts Schloss: Mehrere «Türen» gibt es da, die man ganz behutsam öffnet, im Glauben, endlich auf den Schatz (oder zumindest auf irgendeine Erkenntnis) zu treffen, um dann doch jedes Mal ziemlich überrascht davon zu sein, was man in den Räumen...

Heimspiel

Ekstatisch bricht das Trommelgewitter los. Es kündet von der Geburt des Johannes. Bald schon breitet sich – von den tiefen Streichern ausgehend, durch die Instrumentengruppen wandernd, Töne und Akkorde je nach Lage in verschiedenen Farben und Intensitäten beleuchtend – ein samtener Klangteppich aus: Paradoxon statischer Bewegung. Eine gute halbe Stunde spricht...

Großes Kino

In unheimlicher Größe erhebt sich der Brokeback Mountain im Bühnenhintergrund. Ein finsterer Koloss, durchzogen von klaffenden Spalten und Rissen. Die unwirtliche Bergkulisse ist in Lukas Nolls Bühnenbild in schroffem Schwarz-Weiß gehalten, wie eine Federzeichnung. Durch die Videoprojektionen von Marc Jungreithmeier wird sie auf realistische Weise lebendig und...