Subtile Seelenkunde
Venedigs Musikgeschichte betört durch ihre Fülle und ihre Kontraste. Die Mehrchörigkeit in San Marco ist ein Anfang. Die barocke Oper ein anderes Kapitel. Wagner und Verdi verband viel mit der Serenissma. Später ging es Igor Strawinsky und Luigi Nono nicht anders. In den letzten Wochen lockte das Teatro Malibran mit Premieren der Opernpioniere Cavalli und Galuppi. Davon und von den neuesten, Klänge aus Venedig betreffenden DVDs berichten die folgenden Seiten. Ein paar Geheimtipps für Musikfreunde gibt es auch...
Die Götter waren verrückt, und das Publikum wurde verrückt.
1993 spannte Herbert Wernicke eine ganze bacchantische Welt zwischen feuerroter Bretterschräge und einem ptolemäischen Bühnenfirmament, das dem Deckenfresko des Palazzo Farnese in Caprarola nachgebildet war. Ein Rasen im Liebeswahn. Jupiter und Diana, Sterbliche und Unsterbliche, Jungfrauen und Draufgänger lechzten nach Zärtlichkeit, wüteten vor Eifersucht, badeten in schmerzvoller Lust und lustgeilem Schmerz. Es begann burlesk und endete, nach vier prallen Opernstunden, mit einer Tragödie der Einsamkeit. Die Aufführung kam zunächst in Brüssel heraus, feierte 1996 auch an der Berliner Staatsoper Triumphe und ...
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«Zu behaupten, dass man heute Musik schreiben kann, die nicht den Zustand von Verheerung widerspiegelt, dem die Menschen im Spätkapitalismus unterworfen sind, heißt, Musik mit Scheuklappen schreiben, um es vorsichtig zu sagen», bemerkte Hans Werner Henze 1969 in «Musik ist nolens volens politisch». Später freilich relativierte er diese Behauptung, doch die...
«Otello» ist ein gigantisches Decrescendo, der physische und psychische Verfall eines strahlenden Helden. Ein Abgesang in vier Akten. Verdi hat eine soghafte Privattragödie komponiert, die formale Dekonstruktion einer Heldenfassade, die Vera Nemirova in Dresden nun mit dem Aufbau der Fassaden einer Spaßgesellschaft konterkariert.
Am Anfang steht der Sturm. Zum...
Komische Oper Berlin, ein Sonntagnachmittag im November. Intendant Andreas Homoki hat zu einer Uraufführung geladen – und das Haus ist bis auf den letzten Platz belegt. Das gefühlte Durchschnittsalter des Publikums liegt irgendwo zwischen sechs und zwölf. Auch das Team, das hier eine neue «Pinocchio»-Oper des italienischen Komponisten Pierangelo Valtinoni...
