Stimmen der Natur
Ein «Frühlingsmärchen» hat Nikolai Rimsky-Korsakow seine vierte Oper genannt. Das trifft die in «Snegurotschka» verhandelte Sache genauer als der Name des Fabelwesens, das dem Stück den Titel gab. Denn nicht die unmögliche Romanze der Geisterbraut, die am Ende in den Armen eines profanen Handelsmanns dahinschmilzt, treibt hier die Handlung, sondern eine von archaischen Kräften animierte Natur. Deren Ordnung ist aus dem Gleichgewicht geraten, seit die Frühlingsfee sich auf Väterchen Frost einließ und ein Mädchen gebar: Schneeflöckchen.
Dieses zieht es zu den Menschen, ins Dorf unter dem roten Berg, wo der Hirte Lel wundersame Lieder singt; ins Land des Zaren Berendei, dessen Volk im Einklang mit Feld und Flur, Sonne, Mond und Sternen zu leben scheint. Doch die Hoffnung auf Verwandlung, auf irdische Erlösung von dem Fluch, Produkt einer Verfehlung zu sein, bleibt unerfüllt. Snegurotschka muss sterben, um den alten Rhythmus von Werden und Vergehen wiederherzustellen.
In Dmitri Tcherniakovs Inszenierung an der Pariser Bastille-Oper ist von Natur zunächst nichts zu sehen. Den Prolog lässt der Bühnenbildner und Regisseur aus Moskau in einem Ballettsaal spielen. Die Frühlingsfee ist ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Albrecht Thiemann
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