Stimmen der Natur
Ein «Frühlingsmärchen» hat Nikolai Rimsky-Korsakow seine vierte Oper genannt. Das trifft die in «Snegurotschka» verhandelte Sache genauer als der Name des Fabelwesens, das dem Stück den Titel gab. Denn nicht die unmögliche Romanze der Geisterbraut, die am Ende in den Armen eines profanen Handelsmanns dahinschmilzt, treibt hier die Handlung, sondern eine von archaischen Kräften animierte Natur. Deren Ordnung ist aus dem Gleichgewicht geraten, seit die Frühlingsfee sich auf Väterchen Frost einließ und ein Mädchen gebar: Schneeflöckchen.
Dieses zieht es zu den Menschen, ins Dorf unter dem roten Berg, wo der Hirte Lel wundersame Lieder singt; ins Land des Zaren Berendei, dessen Volk im Einklang mit Feld und Flur, Sonne, Mond und Sternen zu leben scheint. Doch die Hoffnung auf Verwandlung, auf irdische Erlösung von dem Fluch, Produkt einer Verfehlung zu sein, bleibt unerfüllt. Snegurotschka muss sterben, um den alten Rhythmus von Werden und Vergehen wiederherzustellen.
In Dmitri Tcherniakovs Inszenierung an der Pariser Bastille-Oper ist von Natur zunächst nichts zu sehen. Den Prolog lässt der Bühnenbildner und Regisseur aus Moskau in einem Ballettsaal spielen. Die Frühlingsfee ist ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Albrecht Thiemann
Der Lyriker bleibt am längsten mit dem Musiker geeint», schreibt Friedrich Nietzsche in «Götzen-Dämmerung», auch wenn die Künste sich «allmählich spezialisiert und voneinander abgetrennt» hätten. Mit beiden Kunstgattungen war Nietzsche eng vertraut: Bis etwa zum 30. Lebensjahr komponierte er selbst, auch wenn er wusste, dass er dabei unter der Messlatte der von ihm...
Auch wenn der Sitznachbar zur Linken die Frage, ob er denn Englisch spreche oder gar Deutsch, mit sanftem Nachdruck zurückweist («Český!!»), auch wenn wir in der Aufführung einer die nationale Folklore feiernden Smetana-Oper sitzen, ist dieser Abend keine subversive Manifestation eines kulturellen Tschexit. Selbst wenn Jiři Nekvasil, seit 2010 Intendant des Národní...
Opern von Ottorino Respighi schafften es in Nordamerika selten auf den Spielplan. Die Metropolitan Opera etwa stellte ein einziges Werk vor: «La campana sommersa»– in der Saison 1928/29. Die letzte szenische Produktion in New York riskierte die Gotham Opera vor zwölf Jahren: «La bella dormenta nel bosco». Nun konnte man «La campana sommersa» dank der New York City...
