Stich ins Kühle

Massenet: Manon
Köln | Oper | Staatenhaus

Opernwelt - Logo

Beim Übergang zum fünften Akt von Massenets «Manon» tönt unerwartet die melancholische Reibeisenstimme von Serge Gainsbourg durch den Saal: «Manon, bestimmt weißt du nicht, wie sehr ich hasse, was du bist.» Dazu legt Zuzana Marková als Manon ihr Ballkleid ab, mit dem sie – jung, mondän, arrogant – die Pariser Gesellschaft bezaubert hat. Über die zerrissenen Strümpfe und Strapse zieht sie sich wieder den alten Trenchcoat, mit dem sie einst aus der Provinz ausbrach, und geht ihrem bitteren Ende entgegen.

Die Männer lieben und hassen sie, diese Manon aus der pikanten Fantasie des Abbé Prévost, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts zwischen erotischen Eskapaden und dem Leben eines Geistlichen schwankte (ein wenig findet sich davon in der Hauptfigur Des Grieux wieder). «Manon» ist die Geschichte einer Frau, die nach oben will und dafür naiv und skrupellos zugleich die Männer verschleißt, die sie am Ende zerstören werden. Damit war die zwischen Täter und Opfer schillernde Figur ein gefundenes Fressen für die Opernbühne, auf die sie gleich mehrere Komponisten schickten – neben Auber (1856), Puccini (1893) und Henze (1952) auch Jules Massenet, dessen «Manon» 1884 an der Pariser Opéra Comique ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2018
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Michael Struck-Schloen

Weitere Beiträge
Monteverdi war stärker

Wie es fassen? Wie es genau definieren? «Alles klingt natürlich, es ist Kunst und es ist Natur», müht sich Nikolaus Harnoncourt um eine Einkreisung. «Der Komponist malt und seine Klänge bewegen sich.» Und das Spielen? «Wir machen es alles so, als gäbe es nichts als lebende, überraschende Musik.» Ende der 1960er-Jahre ist das passiert, bei «L’Orfeo». Und wer diese...

Pädagogisch wertvoll

Es gibt diese Geschichten. Geschichten, die so gehaltvoll ausgezirkelt, so zeitlos verrätselt sind, dass man sie immer wieder hören möchte. Wolfram von Eschenbachs große Erzählung über den Ritter Parzifal, der in die Welt hinauszog, um sich, seine Bestimmung und wohl auch das Glück zu suchen, ist so eine Geschichte.

Doch muss man sie reduzieren, humorisieren,...

Verkanntes Genie?

Es war im Mai 1865, als zwei aufstrebende, noch unbekannte Künstler, die angetreten waren, ihr Jahrhundert in die Schranken zu weisen, in Genua mit einer Oper herauskamen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte: Arrigo Boito (23) und Franco Faccio (25). Beide  gehörten zur antibürgerlichen Bewegung der Scapigliati und hatten sich kein geringeres...