Sinnlos zauberhaft

Rossini: Semiramide
Nancy | Opéra national de Lorraine

Opernwelt - Logo

Als die Bayerische Staatsoper in München vor wenigen Monaten Gioachino Rossinis «Semiramide» herausbrachte, suchten die Beteiligten diese als inhaltlich und psychologisch schlüssiges Werk zu behaupten – mit eher begrenztem Erfolg. Die Regisseurin Nicola Raab dagegen denkt in ihrer Regiearbeit in Nancy gar nicht daran, sondern zeigt die Oper als das, was sie ist: ein verspätetes Kind der Seria, dem man seine Unzeitgemäßheit in vielen dramaturgischen Anleihen anmerkt.

Nicht ganz ungestraft taten Rossini und sein Librettist Gaetano Rossi im Jahr 1823 so, als herrschten die aristokratischen Konventionen nach wie vor unangefochten auf der Bühne. Entsprechend erzählt Raab die Geschichte rund um die altorientalische Königin Semiramis als eine übersteigerte Theaterfantasie, die sich nach dem Rokoko zurücksehnt: Das Bühnenbild von Madeleine Boyd führt Versatzstücke von Bühnen und Hinterbühnen des Barock und der Gegenwart assoziativ zusammen, während sich die Kostümbildnerin Julia Müer in einer Orgie ständig wechselnder Kniebundhosen, Spitzenjabots und grotesker Helmformen austoben darf.

Und siehe da: In diesem Setting gehen die Figuren plötzlich auf. Allen voran die Partie des Arsace, der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2017
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Michael Stallknecht

Weitere Beiträge
Auf Armeslänge

Was hier wohl passiert ist? Man will es gar nicht genau wissen. Die Betondecke geborsten, die Kapelle auf der Bühne staubig, zerrupft und (leere Stühle signalisieren es) dezimiert. Ab und zu flackert das Licht, man hört ferne Detonationen und ein vorbeiziehendes Flugzeug. Es herrscht Krieg, ja gut. Aber wo? Offenbar nicht mehr draußen, auf dem Schlachtfeld, sondern...

Zwei Gesichter

Johannes-Passion» von Carl Philipp Emanuel Bach – ein Druckfehler? Nein. Denn wie der Vater, so der Sohn. Dessen Passion geriet indes deutlich kleiner und kommt nicht nur aus eigener Herstellung: Sie ist auch Konglomerat von Werken unterschiedlicher Komponisten der Zeit. Von welchen genau, das ist, wenngleich der große JSB durchklingt, nicht aufgeklärt. Das...

Ins Dunkle

Calixto Bieito war lange Advokat eines nimmermüden Blut- und Sperma-Theaters, Skandalnudel mit kalkulierbarem Provokationsausfluss. Doch die Zeiten haben sich geändert, Bieitos Position im Musiktheaterbetrieb ebenfalls. Mit seiner Inszenierung von Sergej Prokofjews «Feurigem Engel» in Zürich beschert uns der Regisseur einen ganz großen Abend.

Renata war acht...