Sein und Schein
In der Avenue Montaigne ist die Welt noch in Ordnung. Fünf-Sterne-Hotels, Nobelkarossen, Edelboutiquen von Chanel bis Louis Vuitton – ein Boulevard des Luxus und der Moden. Die Tristesse der Banlieues ist weit weg, das süße Leben zum Greifen nahe. Bei Valentino, gleich neben dem Bühneneingang des Théâtre des Champs-Élysées, kostet die Abendrobe für die anspruchsvolle Dame knapp vierzehntausend Euro. Die Schaufenster sind perfekt gestaltet, raffiniert ausgeleuchtet – Guckkästen eines am Goldenen Schnitt orientierten savoir vivre.
Selbst ein Laie in Sachen Haute Couture ahnt sogleich: Hier sind nicht Material und Arbeitsaufwand die Hauptquelle der Wertschöpfung, sondern ein imaginärer Zauber, eine Aura ostentativer Exklusivität, welche aus Waren kostbare Kunstwerke macht. Ich glänze, also bin ich.
Der Geist des Ästhetizismus hat in Paris nicht nur hochmögende Schneider im Griff. Das Interesse am erlesenen Stil, an der erhabenen Form – für Modisten natürlich die geschäftliche raison d’être – ist auch in jenem (groß)bürgerlichen Milieu anzutreffen, das in Frankreich nach wie vor den Diskurs über Gesellschaft, Politik und Kultur dominiert. Es geht dabei nicht bloß um Fragen des guten ...
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Mit Alberto Franchettis «Germania» wollte Kirsten Harms ein Zeichen setzen, wohin es künstlerisch in den nächsten fünf Jahren an der Deutschen Oper Berlin gehen soll. Sechs große Premieren pro Spielzeit sind geplant, darunter je zwei Ausgrabungen. Die «Wiederentdeckungs»-Reihe wird als eine der Repertoire-Säulen dem Haus unverwechselbares Profil geben – neben...
Herr Alagna, Ihr letztes Solo-Recital war eine Hommage an den Sänger und Schauspieler Luis Mariano, der in Frankreich eine Legende, bei uns aber kaum bekannt ist.
Das stimmt. Man muss ihn in Deutschland erst noch entdecken. Er war eine außergewöhnliche Person, er hat ein Genre, einen Stil kreiert. Eigentlich wollte er Opernsänger werden, hat das Konservatorium in...
Noch bis in den Oktober hinein schmückten Brecht-Aphorismen das Foyer des Berliner Admiralspalastes – im königsblauen Layout der Deutschen Bank, die dort Brandauer-Campinos «Dreigroschenoper» sponsorte. Man mag da an Karl Kraus’ Ausspruch denken, dass ein Dichter vor nichts größere Angst haben müsse als davor, dass seine Stücke zu Klassikern erhoben würden. Doch...
