Sehnsuchtsbilderbogen
Er atmet schwer, der alte Mann. Einen weißen Leinenanzug hat er angelegt. Als werde es bald Frühling oder Sommer in seinem leeren Lebensabendbunker. Schlurft hierhin, dorthin, hält inne, horcht und blinzelt, ob sich was regt im Halbdunkel zwischen den anthrazitgrauen Wänden. Aber es bleibt still. Kein Laut, nirgends. Nicht mal der schüttere Herbstlaubregen, der aus dem Schnürboden rieselt, macht ein Geräusch. Doch dann, plötzlich, leuchtet eine Kammer auf, hinten, wo eben noch nur Beton war. Ein junger Fuchs schaut heraus, ein wenig scheu, aber quicklebendig. Der Alte glaubt es kaum.
Ein Traum?
Frank Hilbrichs Dresdner «Füchslein» ist tatsächlich ein Traum. Kopfkino voller Melancholie. Der Sehnsuchtsbilderbogen eines Menschen, der sein nahes Ende fühlt. Wehmutsszenen der Erinnerung an frischere Tage, als das Wünschen noch geholfen hat. Als er sich noch gespürt hat, der altersweiße Mann, Janáceks Förster. Das stumme Vorspiel weist den Weg – nicht in ein märchenhaftes «Waldidyll» mit putzigen Felltieren und Federvieh, sondern ins schwache Herz dieses Kauzes, der – ein letztes Mal? – die Geister seiner Vergangenheit herbeifantasiert. Vor allem die junge Frau mit der flammenden Mähne, ...
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Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Albrecht Thiemann
Es ist Oktober. Festivalzeit im irischen Küstenörtchen Wexford. In den Pubs plaudern Herren in black tie und Damen in Abendrobe mit Locals in Jogginghosen. Der Wind saugt die letzten Blätter aus dem kleinen Hain, den Opernenthusiasten auf der Ferrybank gepflanzt haben – ein Bäumchen für jedes neue Stück – und weht waagerechte Regenfäden über den River Slaney....
Draußen scheint der Kampf noch in vollem Gang. Eine Sirene ertönt. Es fallen Schüsse. Ein ewiger Aufschrei, unterbrochen allenfalls von den Marschtritten unzähliger Soldaten. Drinnen im Theater dagegen Totenstille. Erst nach und nach erheben die Gefallenen ihre Stimmen, wortlos weinend in der Finsternis, die sie umgibt. Sie steigen nicht aus den Gräbern, die nach...
Anita Cerquetti war eine der enigmatischsten Erscheinungen der jüngeren Operngeschichte. Mit 20 debütierte sie 1951 als Aida in Spoleto, in den folgenden Jahren arbeitete sie sich mühsam durch die Provinz und in die erste Reihe vor. Ihre große Stunde schlug, als sie im Januar 1958 nach dem skandalumwitterten «Norma»-Abbruch in Rom für die Assoluta Maria Callas...
